Ofengemüse trifft Hackbraten

Zoomer und Boomer an einem Tisch

Ein typisches Streitgespräch an unserem familiären Abendessenstisch:

Ich: „Deutschland hat auch in diesem Jahr seine ­Klimaziele nicht erreicht und schlittert komplett vorbei am Pariser Abkommen. Die Tu-nichts-Regierung, die sich hauptsächlich um ihre Exportwirtschaft kümmert, hat meiner Meinung nach versagt. Zum Glück werden wir 2038 endlich den Kohleausstieg geschafft haben … Der wird uns nur wenig bringen, wenn Kontinente überschwemmen, Massenflüchtlingskrisen uns überfordern und ich meinen Kindern erklären muss, was Zugvögel waren. Aber beim Brotbelag kann man zwischen vier Sorten wählen … Wurst ist ja kein Fleisch!“

Papa: „Naja, man kann nicht so schnell alles umwerfen, die ganze Wirtschaft umkrempeln. Erst mal ­kleine Schritte. Du malst das alles sehr schwarz. Ich fahr seit 30 Jahren Diesel, da kommt es auf das ­nächste Jahr auch nicht mehr an. Und man kann nicht einfach alle Kohlekraft­werke schließen, das sind über Jahrzehnte ­gewachsene Strukturen, denk doch an die Bergleute, da hängen Existenzen dran. Außerdem verbrennt z. B. China viel mehr CO2 als Deutschland, warum sollen wir anfangen und der wirtschaftliche Verlierer sein? Dafür haben wir die letzten 30 Jahre zu viel erreicht.“

Wir üben …

Denn anfangs endeten solche Gespräche immer in einer emotional aufgeheizten Sackgasse. Wir reden völlig aneinander vorbei. Wir übertreiben, verallgemeinern, lassen uns von subjektiven Eindrücken leiten und hören gar nicht, was der andere an Argumenten vorbringt. Ich klage an, Papa fühlt sich in die Verteidigungsrolle gedrängt und will sich rechtfertigen. So geht es mir nicht nur mit meinen Eltern, sondern so erlebe ich Diskussionen zwischen den Generationen häufig, und das frustriert mich.

Beim Nachdenken ist mir eine grundlegende Spannung begegnet, ein gegenseitiges Unverständnis unserer Generationen-Identitäten: Mein Vater gehört zur Generation der Babyboomer, die geprägt ist von den Werten der Wirtschaftswundergeneration: Wohlstand, Familie und gesicherte Zukunft. Sein Kontra gegen meine Kritik ist verständlich, hat doch seine Generation den Wohlstand, den ich kritisch in Frage stelle, mit aufgebaut. Meine radikalen Reformvorschläge verunsichern, und er vermisst die Wertschätzung für die erbrachte Leistung. Wenn es um Zukunft geht, dann geht es bei der Generation meiner Eltern oft um den Erhalt des Status quo – geprägt von materiellem Wohlstand – so nehme ich es wahr. Für idealistische Diskussionen ist da wenig Raum.

Ich gehöre zur Generation Z, geboren Ende 1998, bin ich im Nest der 00er Jahre aufgewachsen, geprägt von Sicherheit und Materialismus. Ein Setting, in dem der Individualismus viel Raum bekam und Grundsatzdiskussionen angestoßen wurden. Für meine ­Generation zählt progressive Umgestaltung und Veränderung: global, sozial, innovativ und nachhaltig. Dazu ist es unumgänglich, den Lebensentwurf unserer Eltern kritisch zu hinterfragen. Als Fridays-for-Future-Generation treibt uns die Unzufriedenheit mit den Entscheidungen der Verantwortlichen, die in unseren Augen zu langsam, zu wenig, zu mutlos sind. Besonders wenn es um Klima, Gleichberechtigung, Globalisierung, Integration und Wirtschaft geht. Und zwar bezogen auf das ganz Große, wie auf das ganz Kleine: von der politischen Weltbühne bis zum privaten Abendbrottisch.

Um diese Kluft zwischen den Generationen zu überbrücken, wünsche ich uns eine Kultur des kontroversen Dialogs und der progressiven Diplomatie – statt destruktivem Streit ohne Zuhören und mit verhärteten Fronten. Das bedeutet nicht, dass wir alle Unterschiedlichkeiten einebnen müssten, sondern dass wir lernen, die Spannungen auszuhalten und Wege zu finden, im Dialog zu bleiben. Dies vielleicht mehr von uns Jungen, und Vertrauen und Wagnis von den Älteren.

In den Diskussionen mit meinem Vater werden ­meine „radikalen“ Zukunftsvorschläge gerne als idealistisch und praxisfern abgetan. Ich dagegen ärgere mich über seine „Ignoranz und fehlende Opferbereitschaft“. ­Solche Generalisierungen trennen, machen unzufrieden und verfehlen die Realität, sie spalten im privaten und politischen Bereich viel mehr, als dass sie verbinden: nicht alle Mitte-Wähler sind rückwärtsgewandt, und nicht alle Veganer sind illusionistisch.

Gegenseitiges Hinhören beim weiteren Entwickeln der Gedanken bringt uns am Familientisch immer öfter zu Lösungen, die Potenzial haben und die wir uns beide vorstellen können. Ein Beispiel, etwas vereinfacht: Als es um den Fleischkonsum der Familie ging, plädierte ich für ein radikales Eliminieren von allem, was ­Beine hat. Papa wollte lieber, dass alles so bleibt wie es ist. Nach ausgiebigen Diskussionen über den Wasser­verbrauch von Rindern in der Aufzucht und die Geschichte der fröhlichen Kuh auf Odenwälder Wiesen kamen wir zu einer vorläufigen Lösung: zweimal die Woche Fleisch, Bio und nicht eingeschweißt!

So könnte doch auch eine Allianz der ­Generationen aussehen: Eine idealistische, progressive Idee kommt auf, wird lösungsorientiert diskutiert, bis sie ­genügend überzeugt. Diesen Gestaltungsmut braucht es auf allen Seiten. Was uns also bei Zukunftsfragen weiterbringt, ist eine konstruktive Koalition zwischen Jung und Alt. Langjährige Erfahrung gepaart mit ­neuer ­Vision. Ohne Diskussionen über „Wer ist schuld?“ und „Wie schlimm ist es?“, stattdessen sollten wir Kompetenz und Verantwortungsbewusstsein zusammen­bringen und gangbare, fortschrittliche Lösungen suchen. Meine Hoffnung bezieht sich auch auf diesen Berührungspunkt zwischen den Generationen: Verantwortung und ­Opferbereitschaft für den Erhalt und die Wiederherstellung der Schöpfung Gottes, bzw. Orien­tierung an der Frage, „wie eine kommende Genera­tion weiterleben kann“. Das sag ich meinem ­Papa jetzt immer, wenn es Ofengemüse statt Hackbraten zum Abendessen gibt. Und wir dabei beim Gespräch über Klima und Zukunft die konstruktive Kontroverse üben.

Von

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