Wegzehrung in Raten

Mentoring in der OJC

Gott braucht keine Helden

Annika S. war Teil der Jahresmannschaft 2012/2013. Sie lebt heute in Tübingen und arbeitet als Sozialpädagogin.

Annika: Ich kam in die OJC, weil ich wissen wollte, ob der Glaube an Jesus Sinn macht oder ob ich es als etwas ab­hake, das vielen Leuten Orientierung gibt – aber für mich selbst einfach nicht passt. Ich hatte so viele Fragezeichen. Mit Hanna als Mentorin fand ich die enge Begleitung, die ich mir für diesen Prozess gewünscht hatte. Noch dazu war sie mir sofort sehr sympathisch. Unsere Mentee-Mentoren-Beziehung war von Anfang an geprägt von großer Ehrlichkeit. Hanna stellte die richtigen Fragen, auch die unangenehmen, schonte mich nicht und passte sich gleichzeitig dem Tempo meiner Glaubenserkundung an. Wir lachten viel mitein­ander, weinten auch mal, führten endlose ­Gespräche bei vielen Tassen Tee und Spaziergängen. Sie ermutigte mich, wenn mir alles zu kompliziert und zu groß für meinen kleinen Kopf erschien und arbeitete sich mit mir durch meine Zweifel. Das alles tat sie mit ihrer großen Lebensfreude, ihrem Humor und einem großen Vertrauen, dass Jesus es schon gut mit mir ­machen würde. Dieses vorgelebte Jesus-Ver­trauen und die Fokussierung auf ihn als das Wesentliche, weg von moralischen Regeln, sittlichen Lebensvorstellungen etc., haben mich sehr beeindruckt und mir die notwendige Freiheit im Kopf und im Herzen gegeben. Die Mentoren-Beziehung hat sich inzwischen zu einer freundschaftlichen Beziehung entwickelt. Ging es in meiner OJC-Zeit viel um meine Gedanken, meine Fragen, so erzählt Hanna mir heute auch mehr von dem, was sie beschäftigt. Wenn mich Leute fragen, welche Personen mich in meinem Glaubensleben besonders geprägt haben, antworte ich: „Hanna, ganz klar.“ 

Hanna Epting (OJC) ist immer noch gern Mentorin und ­WG-Begleiterin der FSJ-Frauen

Hanna: Annika, eine ­patente Pfarrerstochter aus Süddeutschland, wardie ­erste junge Frau, die ich begleitet habe, aber das habe ich ihr erst später verraten. Sie sagte mir gleich am Anfang, dass sie das Jahr nutzen wolle, um Gott und dem Glauben nochmal eine letzte Chance zu geben. Eine klare Ansage ... Ich habe Annika schnell ins Herz geschlossen und sie hat es mir unfassbar leicht gemacht, indem sie von Anfang an Fragen, Zweifel, Ärger und Angst mit schonungsloser Ehrlichkeit und viel Vorschuss-Vertrauen auf den Tisch gelegt hat. Ich wollte ihr so gern eine Hilfe sein, aber bald merkte ich: Machen kann ich viel weniger, als ich gern würde. Ich konnte mich lediglich mit ihr auf einen Weg machen, nachfragen und ­zuhören, von meinen Erfahrungen mit Gott erzählen und werben ..., aber ihren Glauben anzünden, das lag nicht in meiner Macht. Das hat mich dazu gebracht, erst mal und vor allem Gott in den Ohren zu liegen, und ihn inständig zu bitten, dass er seine Chance nutzt und es ja nicht verbockt. Er hat es nicht verbockt. Auf seine Weise ist er Annikas Fragen und meinem riskierten Vertrauen begegnet. Auch wenn er es echt spannend gemacht hat, habe ich in diesem ersten Jahr als Mentorin gelernt: Ich muss keine Heldin sein, sie kommt eh drauf, dass ich es nicht bin. Es geht vielmehr darum, ehr­liche Beziehung anzubieten und mit ihr ein Stück Weg zu gehen. Und: Ihre Geschichte geht nach mir weiter. Auch Gottes Geschichte mit ihr. Dieses Jahr ist nur ein kleines Steinchen im großen Mosaik ihres Lebens.

Mein persönlicher Hinterfrager

David B. (FSJ-Jahrgang 2004/05) ist Entwicklungsingenieur für Fahrzeugtechnik und zweifacher Familienvater. Er arbeitet als Teamleiter in Teilzeit in einem großen Automobilunternehmen

David: Uns FSJlern wurde angeboten, sich ­einen Mentor aus der OJC-Gemeinschaft zu suchen, um über eigene Fragen zu reden. Und das nicht erst dann, wenn dunkle Wolken am Lebenshimmel stehen. Dieser Hinweis erwies sich auf meinem Lebensweg als Gold wert. Wenn ich mich frage, was Matthias mir im Laufe der Jahre gewesen ist, kommen mir viele Assoziationen: Mutmacher, Hinterfrager, Sparringspartner, Vorbild, Feedback-Geber, Erfahrungsteiler, Visions-Prüfer, Tröster, Optimierer und Freund. Entscheidend dabei war das Miteinander auf Augenhöhe. So manches konnte mir ­Matthias aus seiner größeren Lebenserfahrung weitergeben. ­Trotzdem waren wir immer gemeinsam auf dem Weg: das Herz bewahren, Weisheit suchen, Leid teilen und die Freude verdoppeln. Bei allen Wegweisungen erscheint mir am wichtigsten, jemanden zu haben, von dem ich weiß, dass er (neben meiner Frau) in Zeiten des Sturms ein Ankerpunkt ist.

Jens H. (FSJ-Jahrgang 2002/03) arbeitet als Evangelischer Diakon und Religionslehrer in einem Kirchenkreis in Berlin.

Jens: Ich kam zur OJC, um das sozialpädagogische Anerkennungsjahr für den Erzieherberuf zu machen. Mein Focus lag auf der fachlichen Arbeit und ich war froh, einen sympathischen und kompetenten Anleiter gefunden zu haben. Gleichzeit empfand ich meinen beruflichen Werdegang irgendwie auch als Berufung und mir war bewusst, dass die eigene Persönlichkeit eines der wichtigsten Handwerkszeuge eines*r Pädagogen*in sind. Darum wurden die Anleitungsge­spräche mit Matthias neben aller Fachlichkeit, Methodenauswertung und Reflexionen schnell sehr persönlich. Wir erörterten schließlich auch Fragen nach Haltung, Prägung und Glauben. Meine Suche nach Orientierung und die Frage, „Wie kann ich meinen Glauben ernsthaft und authentisch leben?“, die ich vorher so nicht verbalisiert hätte, wurden in den gemeinsamen Gesprächen deutlich. Matthias konnte mir helfen, Antworten zu finden. Mir wurden neue Stärken bewusst und ich begann, eine Vision für mein Leben zu ent­wickeln. Heute sehen und hören wir uns seltener. Aber Matthias war selbstverständlich auf meiner Hochzeit und hat uns zu Hause besucht. Heute arbeite ich als Evangelischer Diakon und Religionslehrer und höre den Begriff Mentoring ständig. Die Beziehung zu ­Matthias ist für mich zur Blaupause für diesen Dienst geworden.

Matthias Casties (OJC) ist seit 25 Jahren Mentor und arbeitet als Erlebnispädagoge im Erfahrungsfeld Schloss Reichenberg

Matthias: Manche Mentorenbeziehung geht über das Jahr weiter und mit David wurde daraus eine Freundschaft. Ich teile mit ihm die Freude, in Menschen zu investieren und sich darüber auszutauschen, was einen selbst in diesem Kontext neu inspiriert hat und was gute Früchte trägt. Von David lernte ich, dass es sich immer lohnt, sein Herz in Menschen zu investieren und das, was man hat und kann, einzubringen.

Durch Jens habe ich gelernt, dass Flexibilität durchaus auch eine erfolgreiche Strategie ist. Ich bin eher ein zielorientierter Typ. In unseren Gesprächen und auch der Anleitung von Jens lernte ich, dass es verschiedene Wege gibt, ans Ziel zu kommen. Rückblickend war die authentische Begegnung der Moment, der Vertrauen stiftete und Neues in Gang brachte.

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