Auf engstem Raum

Gemeinschaft als Training für den Ernstfall

Es war in diesem Jahr an Pfingsten, als mir etwas dämmerte. Genauer gesagt schon am Samstag davor…

Dieses dritte Hochfest des Kirchenjahres wird in meiner Konfession gewöhnlich ziemlich leidenschaftslos als „Geburtstag der Kirche“ begangen. Mit der Gestalt, die wir heute Kirche nennen, hatte die „Urgemeinde“ allerdings nicht allzu viel zu tun. Damals in Jerusalem war Pfingsten die Geburtsstunde der Gemeinschaft derer, die vom Heiligen Geist entflammt beständig beieinander blieben, ihre Gaben miteinander teilten, zusammen beteten und Gott lobten, die Mahlzeiten hielten und das Brot brachen hier und dort in den Häusern …

Begrenzung schafft Wärme, aber auch Reibung. Man kann sich schlecht aus dem Weg gehen. Gute Bedingungen dafür, dass daraus ein Hotspot entsteht! Aber: Einheit kann man nicht machen. Gemeinschaft lässt sich nicht erzwingen. Sie bleibt ein Geschenk des Heiligen Geistes. An uns liegt es, zu entscheiden, ob wir beieinander bleiben, einander aushalten wollen. Das ist schwer genug, wenn es dann konkret wird! Eigentlich ist es mir lieber, wenn die Leute, die meine Meinung nicht teilen – ob es nun eine wesentliche theologische oder eine politische ist – nicht mehr mit mir am Tisch sitzen… Bleibt beieinander, sagt Jesus.

Wohl dem, der in diesem letzten Jahr jemanden hatte, der dageblieben ist! Eine Freundin vom Darvell-Bruderhof in Südengland beschrieb diese Zeit treffend als einen „dunklen Angriff auf das, wozu der Mensch geschaffen ist: Leben zu teilen!“ Es ist schon eine große Herausforderung, äußerlich auf Abstand zu gehen, ohne dabei die innere Verbundenheit zu verlieren. Ist es da verwunderlich, dass Gemeinschaften daran zerbrechen?

Es hat offenbar eine große und umfassende Einheit unter ihnen gegeben, auf allen Ebenen, geistlich, sozial und materiell. Ein Herz, eine Seele, ein Leib. Nicht, weil sie gefühlsmäßig so gut zusammenpassten und ähnliche Ansichten hatten, auch nicht, weil sie einem großen gemeinsamen Ziel zustrebten, sondern weil Jesus selber sie zusammengewürfelt und beim letzten gemeinsamen Abendessen darauf eingeschworen hatte: Bleibt bei­einander! Wartet in Jerusalem. Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen und werdet meine Zeugen sein. Und das haben sie gemacht. Warten. Ausharren. Zusammenbleiben. Buchstäblich in einem Raum, im „Obergemach“.

Der Heilige Geist arbeitet in entgegengesetzter Richtung. Er sammelt, bringt zusammen. Gemeinschaft ist ein Grundcharisma christlichen Lebens. Dietrich Bonhoeffer benennt es noch deutlicher: „Wer allein ein neuer Mensch werden will, bleibt beim alten.“ Der neue Mensch ist die Gemeinschaft. Und gerade die, die ein wichtiges Amt innehaben, die öffentliche Verantwortung tragen, sind auf eine mittragende Gemeinschaft angewiesen. Daniel hatte am Hof des Königs von Babylon seine drei Freunde, Frodo auf dem Weg nach Mordor seine Gefährten.  

In der OJC-Gemeinschaft haben wir in der Zeit der Kontaktbeschränkungen „kleine, konstante, häusliche Gruppen“ gebildet, und diese Gefährtenschaft hat uns (im ganzheitlichen Sinne) „am Leben erhalten“.

Wer sind deine Gefährten, mit denen du arbeiten, essen, lachen, weinen, beten und singen kannst (oder wenigstens drei Dinge davon!), die du mit oder trotz aller Macken lieben willst und von denen du dich geliebt (und ertragen) weißt? Es müssen nicht zwangsläufig deine „Lieblingsmenschen“ sein.

Ja, es hat gewiss seinen Sinn und seine Chance, eine Zeitlang Einsamkeit auszuhalten und auf sich geworfen zu sein, um sich neu zu besinnen. Aber der Mensch ist für diesen Zustand auf Dauer nicht geschaffen! Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei, bezeugt uns schon das erste Kapitel der Bibel. Wir könnten heute ergänzen: Zu verlockend ist es, sich in der eigenen (digitalen) „Blase“ gut einzurichten, damit man sich mit dem andersdenkenden Bruder oder der unbequemen Schwester nicht mehr auseinander setzen muss…

Wir haben es im letzten Jahr ganz deutlich erfahren: Stark sind die Kräfte, die uns auseinander treiben, im privaten wie im öffentlichen Leben. Das ist nichts Neues: „Die Welt fällt überall auseinander. Sie zerbröckelt …“ schrieb Eberhard Arnold bereits im Jahr 1932. „Worauf es ankommt, ist Gemeinschaft unter der Herrschaft Gottes im Sinne des prophetischen Reiches Gottes.“1 So ist die Gemeinschaft, die der Heilige Geist stiftet, kein bloßer Selbstzweck, im Gegenteil! Sie bezeugt in allem, was sie tut, das anbrechende Gottesreich.

Freilich, wer sich darauf einlässt, erfährt: Diese Gemeinschaft kostet auch etwas. Sie kostet etwa meine Selbstbezogenheit, mein Rechthabenwollen, oder eine meiner Empfindlichkeiten. Aber es führt kein Weg dran vorbei. Wir brauchen einander, „weil jeder von uns zeitweilig nicht glaubt“ (Eugen Rosenstock-Huessy) und „damit keiner allein stehe gegen das Dunkel“ (Grammatik der OJC Abs. 01). Könnte nicht dieser Sommer eine Chance sein, auf die Suche nach deinen Gefährten zu gehen, um mit ihnen im „Obergemach“ um den Geist zu bitten?

Was könnte denn ein erster Schritt in diese Richtung sein? Und warum würdest du ihn gehen wollen?

Von

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