Diener – Denker – Dauerläufer

Nachruf von Konstantin Mascher, Prior

Am 31. Mai 2021 ist unser OJC-Gründer und Weggefährte Horst-Klaus Hofmann mit 92 Jahren verstorben. Sein langes, dynamisches und erfülltes Leben hat nun das endgültige Ziel und seine Vollendung erreicht. Als OJC-Kommunität schauen wir voller Dankbarkeit auf sein reiches, gesegnetes Leben; wir alle verdanken ihm viel und freuen uns, dass wir sein Erbe in die Zukunft tragen dürfen.

Horst-Klaus Hofmann war ein Diener vor dem Herrn, stets bereit, alles auf eine Karte zu setzen und sein ganzes Leben Gott hinzugeben. Sein Motto „Klarheit kommt aus der Stille“ prägte sein Hören auf Jesus und schärfte seinen Blick für die Menschen. Ob Kleinkind, Schüler oder Philosophieprofessor, sein ungeteiltes Interesse galt immer dem Gegenüber.

Als Denker liebte er die geistlich-geistige Tiefenbohrung; fromme wie ideologische Scheuklappen waren im fremd. Glauben und Denken hielt er wie die zwei Seiten einer Medaille beieinander, und die daraus gewonnene Klarheit vertrat er stets offensiv. Mutig und unerschrocken stellte er sich den Fragen der jungen Generation, setzte sich mit Altlasten und Segensspuren der Vergangenheit ebenso wie den Zeitgeistströmungen der Gegenwart auseinander und suchte nach leb­­baren Antworten aus dem Evangelium.

Als Dauerläufer investierte sich Horst-Klaus mit ganzer Kraft, ganzer Seele und von ganzem Herzen für die Vision, die Gott in sein Herz gepflanzt hatte. Nun ist der Dauerläufer ans Ziel gelangt und – so glauben wir – von Gottes Herrlichkeit empfangen worden.

Rote Socke – weiter Blick

Meine Begegnungen mit unserem Gründer

von Hanne Dangmann, Priorat

Ich lernte Horst-Klaus Hofmann an einem Hochsommertag 1987 kennen, es war Ites 50stes Geburtstagsfest im Schlossgelände.

Ich war damals 22, erstmals in die OJC eingeladen und bei HKHs Geburtstagsrede, der ich nicht besonders erwartungsvoll gelauscht hatte, plötzlich hellwach: eine sehr persönliche Würdigung in klaren Worten, mit biblischen und historischen Bezügen, die alle Aufmerksamkeit auf sich zog.
Mein erstauntes Suchen nach irgendeinem Notizzettel in der Tasche, wenn ich ihm zuhörte, hat mich bis vor wenigen Monaten begleitet. Noch im November, im Besuchszimmer des Seniorenheims, mit Maske und Trennscheibe, hat er eindrücklich und wiederholt Zitate von Bonhoeffer in sein Erzählen einfließen lassen.

Seit 1994 sind mein Mann und ich Teil der OJC-­Gemeinschaft. In den Jahren dazwischen hatten wir jährlich an OJC-Tagungen teilgenommen.
Ich habe Horst-Klaus nicht mehr in der Bensheimer Großfamilie erlebt. Aber ich kenne noch seine roten Socken, die mich bei seinen Vorträgen überraschten, ebenso wie den Stapel Literatur, die er zu einem Vortrag oder einer Bibelstudie mitbrachte und vor sich auf den Tisch türmte.

Anfangs musste ich mich einhören in seine Art des Vortragsstils. Ich vermisste die kleinen Häppchen vereinfachender Quintessenz. Erst mit der Zeit merkte ich, dass ihm wichtig war, dass man selber an den Quellen entlangdenken lernte, um zu einem lebens- und wertehaltigen Ergebnis zu kommen.
Einzigartig seine Zusammenschau von biblischem Wort, Weltgeschichte, biographischen Ereignissen, Zeitgeistströmungen und seiner unbedingten Suche nach christlicher Wahrheit und Weisung. Seine Verkündigung war von geistlicher Eindringlichkeit geprägt. Das Ringen um Erneuerung von Herz und Gesellschaft durch die Kraft des Evangeliums war sein großes Anliegen.

Horst-Klaus hat mich in mehrfacher Hinsicht an meinen Vater erinnert, zu dem ich ein gutes Verhältnis hatte: ähnliches Geburtsjahr, auch der Nazi-Ideologie gefolgt und erlegen und jung im Krieg gekämpft, aber leider ohne Kehrtwendung zum Evangelium.

Horst-Klaus Lebensgeschichte, seine Bekehrung und seine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen und der deutschen Geschichte wurden heilsam für mich und förderten die innere Aussöhnung mit meinem Vater. Auch die Parallele in seiner direktiven und auch immer wieder autoritären Art, mit der er Leitung und Führung ausübte. Da haben mich wohl eigene gute Erfahrungen mit meinem Vater geschützt. Die Neigung, mit Horst-Klaus nicht in Machtkämpfe zu geraten, blieb eine Herausforderung. Ich konnte mich an ihm reiben, ohne dass er mir das verübelte.
Eine dritte Gemeinsamkeit gab es, die mich für ihn einnahm: sein hintergründiger Humor. Auch seine Bereitschaft, sich humorvoll verpackter Kritik bereitwilliger zu öffnen als einer wortreichen Auseinandersetzung.

Er war ein streitbarer Mensch, doch suchte er nicht die persönliche Konfrontation. Kontroversen und Konflikte hielt er eher im Reich Gottes für lohnenswert.
Er krempelte meine bisherige Glaubensweise um: ein angestrebtes zufriedenes Leben war ihm zu wenig wirksam.
Er suchte die Unzufriedenen und traute dem Evangelium die Wirkkraft zu, an diesen unzufriedenen Herzen einen Wandel zu bewirken.
Er war interessiert an seinen Gegnern. An Denkweisen, die dem Evangelium entgegenstanden, um genau dort der Kraft und Hoffnung von Gottes Liebe eine Chance zu geben.
Er nahm Gott und den Einzelnen beim Wort.
Er dachte groß. Mich erschreckte die Vermessenheit in seinen Zukunftsvisionen, aber ich erlebte darin, wie zuverlässig Gottes Zusagen dem waren, der sein ganzes Vertrauen darauf setzte.
Er war in der Bibel „daheim“. Das war jenseits von „ein Christ sollte“, es war authentisch und wirkte anziehend, diesen Kompass ebenso zu verinnerlichen.

Erst vor kurzem stieß ich auf eine alte Karte mit einem Wort von Franz von Sales, mit einem seiner Lebensworte:
„Meine Vergangenheit kümmert mich nicht mehr, sie gehört dem göttlichen Erbarmen. Meine Zukunft kümmert mich noch nicht, sie gehört der göttlichen Vorsehung. Was mich kümmert und fordert, ist das Heute. Das aber gehört der Gnade Gottes und der Hingabe meines guten Willens.“

Eine neue Seite unseres Miteinanders kam hinzu, als Irmela starb. Horst-Klaus wurde Witwer. Damals waren unsere beiden Söhne noch klein und wir luden ihn jeden Mittwoch (bis er nach Bensheim umzog) an unseren Mittagstisch ein. Zerbrechlich und trauernd nahm er da die ersten Male Platz. Die beiden kleinen Kerle nahmen von unserer Erwachsenen-Befangenheit wenig wahr und kletterten mit Bilderbuch auf seinen Schoß, und er las vor. Das war eine kostbare Zeit, eine neue Begegnungsebene, das Teilen von Schmerz und Schweigen, in unserem Familienleben. Tischgespräche jenseits der OJC-Leiterschaft.

Als ich ihn an seinem letzten Lebenstag im Krankenhaus besuchte, habe ich das in einer persönlichen Vertrauensbeziehung getan, ihm gesungen und die Hand gehalten und ihm gedankt.
Aber vorher bin ich noch zur Schlosskapelle gegangen und habe von dort das Salböl geholt. Weil ich ihn auch als Gründer, als geistlichen Vater unserer Gemeinschaft stellvertretend verabschiedet und ihm versichert habe, dass wir sein Erbe in unserer Mitte, in unseren Herzen, in dieser Welt lebendig halten wollen.

 

 

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