Aufstehen mit Christus –

Maßnahmen bei Hoffnungsschwund

Ohne Hoffnung kann der Mensch nicht gut leben. Ohne Hoffnung zieht uns nichts nach vorne. Ohne Hoffnung kleben wir eher an der Vergangenheit fest – und uns fehlt die Kraft, der Anschub, die Motivation für etwas Neues, Anderes, Veränderndes in unserem Leben.

Diese Hoffnung, die uns Schubkraft für die nächsten, vor uns liegenden Schritte gibt, fließt aus dem Herzen Gottes. Nicht als Rinnsal, sondern als ein klarer ununterbrochener Strom – und sie füllt unsere Herzen: Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen (Röm 5,5). Doch mit der Hoffnung ist das so eine Sache. Ist sie nicht viel zu schnell wieder enttäuscht? Über dem Folgenden sollen drei Bibelworte wie drei Leuchttürme strahlen:

Ouvertüre meines Glaubens

Es ist der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht (Hebr 11,1).

Dieser Vers bildet quasi die Ouvertüre zu einem Loblied auf die „Wolke der Zeugen“ des alten Bundes: Männer und Frauen, die ihr Vertrauen an Gott festmachten und in Hoffnung und Zuversicht erstaunliche Wendungen in ihrem Leben erfuhren – und oft ganz verrückte Dinge unternahmen. Ich empfehle Ihnen: Lesen Sie Biografien! Die müssen nicht „fromm“ sein; wenn sie aufrichtig geschrieben sind, ziehen wir allemal einen Gewinn für unser Leben daraus.

Hoffnung und Zuversicht gehören also zusammen: „Auf dein Wort hin“ baute Noah die Arche; warf Petrus am helllichten Tag sein Fischernetz aus; sagte Maria zum Engel ihr „mir geschehe, wie DU es gesagt hast“. Und wenn die Hoffnung klein wird oder gar verschwindet, kann jeder sich neu aufs Hören auf Gott und sein Wort ausrichten. Hoffnung und Zuversicht kommen aus seiner Gegenwart – aus seinem Wort!

Zwei Gesten haben sich bei mir als sehr hilfreich bewährt, wenn mir der frühe Morgen und das Hören auf Gottes Wort schwerfällt: als erstes eine Kerze anzünden und laut dazu sagen: „Jesus Christus – Licht und Leben. Sei Du auch heute mein Licht!“ Manchmal spreche ich auch einen Satz aus dem Gebet von St. Patrick: „Ich erhebe mich heute – in gewaltiger Kraft, der Kraft der Auferstehung Christi!“

Mein Pulsar Jesus Christus

In uns, die Hoffnung der Herrlichkeit (Kol 1,27) ist der zweite Leuchtturm.

Manchmal stelle ich mir vor, dass Christus sich in uns, in der Gegend des Solar Plexus eingenistet hat. Wärme, Energie, Lebensrhythmus gehen von ihm aus. Paulus schreibt von dem „Christus in uns“ als dem „offenbar gewordenen Geheimnis Gottes unter den Heiden“, d. h. unter uns Nichtjuden. Dieser Christus ist u. a. darum die Hoffnung der Herrlichkeit, weil er das „Maß des Menschseins“ ist, und niemand sonst! Lebensaufgabe ist es, zu diesem Christus in uns hinzuwachsen, zu einer Christus angemessenen Haltung heranzureifen ‚‘Christ-like‘, sagen die englischsprachigen Völker. Es ist eigentlich immer wieder das Gleiche:

Menschlich ist es, zu fallen, Versucherisch ist es, liegenzubleiben. Christusgemäß ist es, mit Gottes Hilfe aufzustehen und mit seiner Hilfe den nächsten Schritt zu tun.

Dazu brauchen wir Weisheit, wie die Bibel sie uns entfaltet: a) wir müssen das Wort Gottes kennen und in und mit ihm leben; „triefen [davon] wie ein vollgesaugter Schwamm“ sagte Klaus Bockmühl (siehe auch sein Buch: Hören auf den Gott, der redet); b) wir müssen uns selbst kennen, und die Situation, in der wir uns gerade befinden, nüchtern betrachten und annehmen: z. B. ja, in mir ist es finster, ich bin einsam, ich bin orientierungslos; und c) wir müssen diese beiden Erkenntnisse aufeinander beziehen.

Vielleicht hat der eine oder andere den Eindruck, dass Gott nicht spricht, oder dass sich doch alle Pläne der letzten Jahre zerschlagen hätten. Vielleicht hat er aber gerade dadurch zu uns gesprochen? Hier ist dann ein Perspektivwechsel gefordert: Statt auf mein Elend, auf meine Ausweglosigkeit zu starren, suche ich „Christus in mir“ und das, was er zu solchen Situationen und Zuständen schon gesagt hat – in seinem Wort, in den Geschichten von Menschen oder in meinem eigenen Leben. Auch können wir ihn fragen, welchen Weg er jetzt sieht, welche Herrlichkeit er jetzt offenbaren will.

In der Theologie der Ostkirche wird viel von Transparenz gesprochen, von der „Verklärung der Welt“. Das scheint so unerreichbar zu sein. Doch wir glauben, dass Gott gegenwärtig ist, auch in der jetzigen Situation, und wir können ihn bitten, uns die Augen des Herzens zu öffnen, damit wir seine Hand sehen und wahrnehmen. Die Hoffnung der Herrlichkeit – das hebräische Wort dafür lautet „kabod“, was man auch mit „Schwergewicht“ übersetzen kann. Diese Herrlichkeit Christi ist schwerwiegend und das soll sie auch in unserem Leben sein! Verglichen mit dieser Herrlichkeit Christi werden alle anderen Begehrlichkeiten meines menschlichen Herzens zu Leichtgewichten.

Und: Leben wächst bei Ja und Nein. D. h., wenn ich der Gegenwart Gottes in meinem Leben Gewicht geben will, muss ich – sehr wahrscheinlich – das eine oder andere an (schwächenden oder schädlichen) Gewohnheiten lassen: Ich muss zu dem einen, das ich nicht mehr will, genauso entschlossen Nein sagen – wie ich entschlossen Ja sage zu dem, was ich stattdessen als Neues lieben und üben darf. „Christus, nimm zu in meinem Leben“ – so entsteht die Kultur des Lebens, nach der wir uns alle sehnen.

Leuchtfeuer der Liebe

Den dritten Leuchtturm finden wir im Hohen Lied der Liebe: Nun bleiben Glaube, Hoffnung und Liebe, diese drei, und die Liebe ist die Größte (1 Kor 13,13).

Die Hoffnung wird begleitet von zwei großen Geschwistern: von Glaube und Liebe. Diese nehmen die Hoffnung wie eine kleine Schwester in ihre Mitte. Alle drei kommen aus dem Herzen Gottes, gießen sich aus in unsere Herzen und fließen über zu anderen hin. Von dem großen Kirchenvater des Westens, Augustinus aus Hippo in Nordafrika, stammt der erstaunliche Doppelgedanke: Gottes größte Sehnsucht ist der Mensch. Und der Mensch ist Flamme der Sehnsucht nach Gott! Wenn diese Sehnsüchte sich in der Hoffnung erfüllen, wird – um im Bild zu bleiben – ein Feuer entfacht!

Zwei Dinge will ich zu diesem Feuer anmerken: Einmal wird von Feuer alles verbrannt, was das Vertrauen zu Gott zerstört und uns immer wieder die Liebe und Güte des Vaters im Himmel verdunkelt oder gar ausreden will. Die Bibel nennt das „läutern“; d. h. reinigen, wie Gold und Silber von der Schlacke gereinigt werden müssen, um zu werden, was sie sein sollen und können. Das tut Gott selber! Zum zweiten ist das Feuer der Sehnsucht Energie. Sie wärmt, leuchtet, weckt Erstarrtes auf, belebt wieder. Ohne diese Sehnsuchtsenergie von Gott zu uns und von uns zu ihm ist kein erfüllendes Leben möglich.

Unsere Hoffnung, unser innerer Frieden, unsere Zuversicht ist an Christus gebunden und mit Christus verbunden. Alle unsere menschliche Sehnsucht nach Verbundenheit findet in Christus einen ersten Ankerplatz! Ohne diese Verbundenheit reicht keine Hoffnung dieser Welt aus als Lebenskraft für all die Krisen, in denen wir leben, seien sie persönlicher, familiärer oder globaler Art. Das Ergreifende und Befreiende: Christus lässt keinen im Stich! Oder, wie es eine Ordensfrau mal zu mir sagte: „Lieber zu Tode gehofft als zu Tode verzweifelt.“

Unser Notfallkoffer

Wie bleibt die Hoffnung lebendig? Die stärkste Notfallmedizin gegen aufkommenden Hoffnungsschwund ist Danken. Danken weitet den Blick, befriedet unser Herz.

Wir sind ja Kinder einer unruhigen Zeit, unsere ganze Gesellschaft ist auf immer schneller gepolt, genauso auf das Haben-Müssen. Im Vergleichen mit anderen werden wir leicht unzufrieden und neidisch. Diese Abfolge: Vergleichen, Unfrieden, Neid – nennt die Bibel „Eiter in den Gebeinen“, d. h. Knochenkrebs, der uns von innen her auffrisst. Die Medizin, die uns dagegen helfen kann, ist Danken. Eine Faustregel der Alten hieß: „Danken schützt vor Wanken, Loben zieht nach oben.“ Auf Danken und Loben ruht der Segen Gottes: Wer Dank opfert, preist mich und ich will ihm den Weg zu meinem Heil zeigen (Psalm 50,23).

Dank opfern – es ist also nicht ein wohlerzogenes Pflicht-Danke gemeint. Für mich bedeutet dieser Vers oft ein Zeitopfer. Manche von uns kennen einen Wochenrückblick am Samstagabend. Da schaut man zurück auf die vergangene Woche: Wofür kann und will ich Gott danken? Meist sind zehn gute Gründe relativ schnell gefunden. Opfert man Dank und versucht 20 oder 30 „Dankpunkte“ zu finden, dann denkt man weiter, über das Offensichtliche hinaus: Man schaut sich die Ereignisse der Woche genau an und übt, die Hand Gottes darin zu sehen. Die Hand, die großzügig und gerne gibt, was uns zum Besten dient! Diese Art des Dankens wird eine Haltung, ein Lebensstil, ein Habitus, wie ein neues Kleid. Dadurch wachsen Glaube und Hoffnung und die Daseinsberechtigung, wie wir es sonst kaum erleben.

Ein Beispiel: Eine befreundete Familie, die durch verschiedene Umstände und Krankheiten gebeutelt ist, hat einen sogenannten Dank-Briefkasten. Jedes Geschenk, etwas Schönes, das einer erlebt hat, etwas, was einem geglückt ist – alles wird auf einen bunten Zettel geschrieben und in diesen Briefkasten geworfen. Am Jahresende sitzt die Familie zusammen und öffnet den Briefkasten – und sie erleben alle Freuden dieses Jahres noch einmal gemeinsam! Das gibt ein Lob- und Dank-Fest zum Jahreswechsel! Wem ein Jahr zu lang dauert, kann das auch monatsweise oder wochenweise ausprobieren. Dieser Brauch gibt jedem in der Familie Halt in den Anfechtungen und Ärgernissen des Alltags.

Unsere derzeitige allgemeine Lebensphilosophie ist auf der These aufgebaut, dass die stärkste Antriebskraft des Menschen die Angst sei. Das mag allgemein menschlich so sein. Es gibt ja auch Tausende von Gründen, sich zu fürchten. Für uns als Jesus-Leute gilt aber noch etwas anderes: „Nicht die Angst, sondern die Dankbarkeit ist die Grundlage unseres Lebens, Glaubens und Denkens. Ich finde mich vor im Vaterhaus Gottes – und davon kann ich nicht schweigen!“ (nach Peter Wust). Mit anderen Worten: Ich habe einen Wohnort – im Vaterhaus Gottes! Jesus hat darin schon einiges vorbereitet, ich werde dort erwartet! Das heißt: nicht die Ängstlichkeit im Blick auf die Zukunft oder auf die vielen menschlichen Defizite, sondern der Dank für das Leben aus der Hand des Vaters im Himmel, jetzt, ist der Boden, auf dem wir fest stehen.

Gott freut sich immer, wenn du kommst! Unsere Hoffnung lebt von dieser Verbundenheit mit ihm. Unsere Freude wird daraus gespeist!

Himmlische Arznei

Zum Abschluss noch einen kleinen, aber dringenden Hinweis. Die alte Kirche nannte es Medizin zur Ewigkeit: das Abendmahl.

Nehmen wir doch so oft wie möglich daran teil! Dies ist Christi Angebot an uns alle. Es dient auch der Stärkung des inneren Menschen, der Vergewisserung, dass wir in Wahrheit Gottes vielgeliebte Töchter und vielgeliebte Söhne sind. Das soll uns in unserem Alltag, in die vor uns liegenden Situationen, in die kommenden Tage begleiten. Wir bleiben in der Hoffnung auf Christus in uns und gehen mit allem, was uns bewegt, zu ihm. In diesem Sinne kann jeder beten: „Ja, Herr Jesus, ich bringe mein Herz zu dir und halte es bei dir. Du liebst mich, wie ich bin. Bei dir darf ich immer sein. Dafür danke ich dir. Amen.“

Von

  • Maria Kaißling

    Religionspädagogin. Sie lebt in der OJC-Auspflanzung in Greifswald und ist vorwiegend als Seelsorgerin tätig.

    Alle Artikel von Maria Kaißling

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