Dem Erbe näher rücken

Das Gründungscharisma als Wegweiser in die Zukunft

Wer auf eine Beerdigung geht, tut das normalerweise nur, wenn er den Verstorbenen kennt. Doch im Juni dieses Jahres fand ich mich auf der Beerdigung eines mir persönlich unbekannten Mannes wieder. Es war die Beerdigung von Horst-Klaus Hofmann, dem geistlichen Vater der OJC-Gemeinschaft, in die ich im Herbst eingetreten bin. Ganz bewusst stelle ich mich zu dem ­Versprechen, das Hanne Dangmann, stellvertretend für die Gemeinschaft, Horst-Klaus Hofmann an seinem Todestag gegeben hat, „dass wir sein Erbe in unserer Mitte, in unseren Herzen, in dieser Welt ­lebendig halten“1. Es war gerade dieses geistliche Erbe, das mich angezogen hatte, als ich mich vor fünf Jahren auf eine Stellenanzeige des Instituts2 bei der OJC bewarb. Meine Ankunft fiel mitten in die Feierlichkeiten zum 50jährigen Jubiläum der OJC. In dieser Zeit wurde viel über die vergangenen Jahre, aber auch über die Zukunft der OJC gesprochen und nachgedacht. Danken, Tanken und Durchstarten war das Motto.

Durchstarten

Nur wo fangen wir eigentlich mit dem Durchstarten an, wo ist das Ziel und wie erreichen wir es? Um diesen Fragen nachzugehen, haben wir uns in den letzten beiden Jahren ganz bewusst einem Zukunftsprozess gestellt, auch mit Begleitung von außen. Dabei stellte sich die Frage, ob unser Erbe, das „Gründungscharisma“, überhaupt als Ausgangspunkt zum Durchstarten taugt. Ob das Festhalten am Gründungscharisma nicht unsere Beweglichkeit mindern würde, so fragte unser Begleiter nach.

Darüber waren wir uns, gerade in der jüngeren Generation, nicht einig. Stimmen wurden laut, die sich an dem Wortlaut störten, mit dem Horst-Klaus Hofmann 1968 die Berufung der OJC umschrieb („Schafft und schult“). Andere, zu denen auch ich gehörte, fühlten sich von diesen Worten stark angesprochen. Es kam zu dynamischen Auseinandersetzungen.

Gründungscharisma

Was bedeutet nun der Begriff Gründungscharisma, also das Erbe der Gründer an die Kommunität? Die Darmstädter Marienschwestern bezeichnen es als die Absicht Gottes, „die er hatte, als er unsere Gemeinschaft ins Leben rief“3. In der katholischen Kirche wird das Gründungscharisma eines Ordens umschrieben als eine „von Gott mit dem Impuls zur Gründung geschenkte Gabe,“4 die aber von jeder neuen Generation zeitgemäß auszuleben ist.

Was ist also der Impuls und die mit ihm geschenkte Gabe, die wir als Kommunität unserer Zeit entsprechend ausleben sollten? Was müssen wir auf alle Fälle beibehalten, um die OJC im Sinne des empfangenen Erbes weiterzuführen? In der Einleitung zu dem Buch „Anstiftungen“, das die OJC zum 20jährigen Jubiläum herausgab, schrieb Horst-Klaus Hofmann Folgendes über den Anfang der OJC: „Ich habe im April 1968 – und das ist die Geburtsstunde der Offensive Junger Christen – miterlebt, wie Gott auf das ehrliche Eingeständnis von Versagen unter uns Eltern mit einem neuen Anfang, mit einer Erweckung unter Schülern und Studenten antwortete. Seit diesen Tagen sind mir die Gedanken von Dietrich Bonhoeffer richtungsweisend geworden: ‚Die entscheidende Frage ist nicht, wie ich mich heroisch aus der Affäre ziehe, sondern wie eine nächste Generation weiterleben soll. … Von der Auferstehung her kann ein neuer Wind in die gegenwärtige Welt wehen. … Wenn ein paar Menschen dies wirklich glauben und sich in ihrem irdischen Handeln davon bewegen ließen, würde vieles anders werden.‘“5

Zukunftsprozess

Die Gaben, die Horst-Klaus Hofmann für diesen Auftrag mit auf den Weg gegeben wurden, waren, wie Hanne Dangmann es trefflich sagte: „Seine einzigartige Zusammenschau von biblischem Wort, Weltgeschichte, biographischen Ereignissen, Zeitgeistströmungen und sein unbedingtes Suchen nach christlicher Wahrheit und Weisung.“6 Gemeinsam mit seiner Frau besaß er die Gabe der Seelsorge. Beide nahmen die jungen Menschen so an, wie sie waren, und halfen ihnen zum persönlichen und geistigen Wachstum. So sind das Ringen mit dem Zeitgeist, die Suche nach biblischen Antworten und seelsorgerlicher Hilfestellung Gaben und Aufgaben, die zum Ursprungscharisma gehören. Bei uns, den nachfolgenden Generationen, verteilen sich diese Gaben und Aufgaben auf viele Schultern. Manche von uns haben ein Herz für die Seelsorge, andere ringen um ein rechtes Verständnis des Zeitgeistes und fragen, was Gottes Wort dazu sagt.

Vielleicht lagen die anfänglichen Unstimmigkeiten im Zukunftsprozess bei den einen an der Angst, dass die Seelsorge nicht genügend Raum erhalten, und bei den anderen, dass der Schwerpunkt Denken vernachlässigt würde. Aber wer sich die OJC-Geschichte anschaut, erkennt, dass gerade das Gründungscharisma in seiner doppelten Ausprägung dazu beigetragen hat, dass OJC-Mitarbeiter sich immer wieder neuen Themen gewidmet haben, dass neue Zentren und Schwerpunkte entstehen konnten und Gefährten in Auspflanzungen aufgebrochen sind. Ich bin froh, dass wir durch den Zukunftsprozess dem Erbe von Horst-Klaus und Irmela Hofmann wieder näher gerückt sind. Mit meinem Eintritt habe ich dieses Erbe angenommen und möchte es an eine nächste Generation weitergeben.

Anmerkungen:

  1. Hanne Dangmann, Rote Socken – weiter Blick, Salzkorn 3/21, S.8.
  2. Deutsches Institut für Jugend und Gesellschaft.
  3. kanaan.org/auftraege/
  4. ordensgemeinschaften.bistumlimburg.de/beitrag/leben-in-beziehung-zu-gott-und-zur-welt-gestalten/
  5. Horst Klaus und Irmela Hofmann, 1988, Anstiftungen: Chronik aus 20 Jahren OJC, Brendow Verlag (S.23).
  6. Hanne Dangmann, a.a.O.

Von

  • Silke Edelmann

    Pädagogin und seit drei Jahren wissenschaftliche Mitarbeiterin im Deutschen Institut für Jugend und Gesellschaft.

    Alle Artikel von Silke Edelmann

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