Wie macht man das mit dem Glauben?

Buchempfehlung

Peter Zimmerling (Hg.): Handbuch Evangelische Spiritualität. Band 3: Praxis, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2020, 926 S.

„Das wünsche ich meiner Kirche in Zeiten des Umbruchs: mehr Spiritualität.“ So schreibt eine Leserin unserer Kirchenzeitung. Die Sehnsucht nach Spiritualität ist groß, die Verunsicherung auch. Bei einem Beerdigungsgespräch zeigt mir die Witwe, die ich noch nie als Kirchgängerin wahrgenommen hatte, ihr zerfleddertes, völlig abgegriffenes evangelisches Gesangbuch. „Damit lebe ich“, sagt sie. „Das gibt mir jeden Tag die Kraft, die ich brauche.“ Ich staune und freue mich.

Tags darauf berichtet eine Konfirmandin von ihren ersten Gottesdienstbesuchen, und meint: „Und dann war da noch so was mit Essen und Trinken. Was bedeutet das denn?“ Ja, wir werden das Abendmahl bald besprechen im Konfi-Kurs. Aber es ist deutlich: Wir müssen noch viel mehr Dingen auf den Grund gehen und dabei sehr elementar werden. „Wie macht man denn das mit dem Glauben? Wie lebe ich die Beziehung mit Gott, von der Sie in Ihren Predigten sprechen?“, fragt mich eine skeptische, gebildete, interessierte Dame aus meiner Gemeinde, die ziemlich regelmäßig in den Gottesdienst kommt.

Ja, wie macht man das mit dem Glauben? Wie können wir ihn leben? Wie ihn so gestalten, dass er unser Leben positiv prägt? Schon seit Jahrzehnten geht Peter Zimmerling, Theologieprofessor an der Universität Leipzig, diesen Fragen nach. Nun hat er dazu sein „Opus magnum“ herausgegeben, das „Handbuch Evangelische Spiritualität“ (2017-2020). In drei gewichtigen Bänden werden die Geschichte evangelischer Spiritualität, ihre Theologie, und im dritten Band ihre Praxis dargestellt. Braucht es für dieses Thema wirklich 2500 Seiten? Es ist doch eigentlich etwas ganz Einfaches.

Ja, und doch ist Spiritualität für viele Menschen heute nur schwer zu greifen. Zimmerling grenzt die Konturlosigkeit des modernen Spiritualitätsbegriffs ein und gibt Orientierung mit folgender Definition: „Ich verstehe unter Spiritualität den gelebten Glauben, der die drei Aspekte Glauben, Frömmigkeitsübung und Lebensgestaltung umfasst. Evangelische, d. h. vom Evangelium geprägte Spiritualität wird dabei durch den Rechtfertigungsglauben sowohl motiviert als auch begrenzt. Die Erfahrung, durch Gott gerechtfertigt zu sein, befreit dazu, den Glauben in immer neuen Formen einzuüben und in der alltäglichen Lebensgestaltung zu bewähren. Umgekehrt bewahrt der Rechtfertigungsglaube davor, das eigene spirituelle und ethische Streben zu überschätzen.“

Von hier ausgehend entfaltet Zimmerling das Thema in einem unglaublich reichhaltigen Kompendium, in dem er Themenfelder und Texte aus der Feder von Autoren aus der gesamten Breite des Protestantismus versammelt. Sind bereits der historische und der theologische Teil eine enorme Leistung, so wird im dritten Band im Grunde ein Gang durch die ganze „Praktische Theologie“ unter dem Gesichtspunkt der Spiritualität geboten. Dabei sind es meistens Praktiker, die hier schreiben und theologische Beiträge aus dem realen spirituellen Leben beisteuern. Das macht diesen Sammelband eben nicht nur für Pfarrer oder Theologinnen, sondern auch für interessierte Laien so enorm spannend und ertragreich.

Der Praxis-Band gibt einen Überblick über die Formen, in denen evangelische Spiritualität heute praktiziert wird. Im ersten Kapitel geht es um Kirche und Gemeinde als erste Resonanzräume evangelischer Spiritualitätspraxis, wobei nicht nur die Ortsgemeinde in den Blick genommen wird, sondern auch Regionalkirche, Universalkirche und die Kommunitäten.

Ausgehend vom Gottesdienst als dem traditionellen Mittelpunkt gelebten Glaubens werden verschiedene Aspekte der gottesdienstlichen Praxis besonders untersucht. Dabei kommen auch neuere Formen wie z. B. die Salbung zur Sprache. 

Weitere Artikel beschäftigen sich mit den Formen der individuellen Glaubenspraxis wie dem Gebet, der Bibellese, aber z. B. auch der Bedeutung der Heiligen für einen evangelischen Glaubensvollzug. Unter dem Abschnitt „Seelsorge und Begleitung“ werden fast vergessene Schätze wie die Einzelbeichte wieder in den Blick genommen, aber auch über die „Spirituelle Begleitung im Kontext von Palliative Care“ informiert. Im großen abschließenden Kapitel „Lebenswelt und Bildung“ geht der Blick von der Familie als Wiege der Spiritualität über Glaubenskurse, Freizeiten, Pilgern, über den Religionsunterricht bis hin zur Bildenden Kunst und der Bedeutung der neuen elektronischen Medien für die christliche Lebensform – ein Thema, das gerade auch in der Corona-Zeit wesentlich an Bedeutung gewonnen hat.

Der Anspruch des Handbuches, die wesentlichen Formen evangelischer Spiritualität abzubilden, wird überzeugend erfüllt. Darüber hinaus zeigt Zimmerling wichtige Kriterien zur Einordnung des mitunter diffusen Phänomens auf: Er plädiert für eine Spiritualität, die sich ganz bewusst aus der Selbstoffenbarung Gottes als Schöpfer, Erlöser und Heiliger Geist speist und keinen Aspekt der Dreieinigkeit Gottes unterbewertet. Leitend ist das biblisch-reformatorische Verständnis: Spiritualität ist nicht Voraussetzung für den Empfang der Gemeinschaft mit Gott, sondern Folge des göttlichen Erbarmens und Werk des Heiligen Geistes. Es gibt Grundelemente (auf Gottes Wort hören, Gebet, Gemeinschaft, Bekenntnis, Handeln), aber immer wieder auch neue Formgebungen.

Besonders erhellend ist die Einleitung zum Sammelband. Hier beschreibt der Herausgeber zum Beispiel, wie die Erlebnisorientierung der modernen Gesellschaft auch die Gemeinden vor große Herausforderungen stellt, und plädiert für eine „Rehabilitation der Erfahrung“: „Indem der evangelische Glaube Erfahrungen macht, gewinnt er Raum in der Welt und vermag den ganzen Menschen in allen Lebensbereichen zu erfassen“. Dazu ist es nach Zimmerlings Ansicht nötig, dass gerade im Protestantismus die „Phobie vor geprägten Formen“ überwunden und die „spirituelle Übung“ wiederentdeckt wird. Denn hier gehe es eben gerade nicht um „tote Formen“, sondern um Räume, die spirituelle Erfahrungen erst ermöglichen.   

Dieses gewichtige Handbuch wird kaum in einem Zug gelesen werden. Neben der bemerkenswerten Einleitung bieten sich die einzelnen Beiträge zum gezielten Nachlesen an. Hier liegt ein reicher Schatz an Erfahrungen und weiterführenden Impulsen vor. Insgesamt eine kräftige Ermutigung, auch in der Praxis der Gemeinde das Thema Spiritualität in allen Bezügen mitzudenken. Denn geistliches Leben ist ja im Grunde nichts anderes, als alles, was wir tun, in der bewussten Gegenwart Gottes zu tun.

Das geistliche Leben ist grundlegend. Aber nicht nur im Alltag der Gemeinden oder des einzelnen Christen. Wie dieser Sammelband zeigt: Auch aus der theologischen Forschung und Lehre, und damit aus der Ausbildung des theologischen Nachwuchses, ist die Beschäftigung mit dem Thema Spiritualität nicht mehr wegzudenken. Dies immer wieder mit Nachdruck eingefordert und gefördert zu haben, auch dafür ist dem Herausgeber dieses großen Werkes zu danken.

In der Praxis unserer Gemeinden werden diese Fragen gestellt: „Wie macht man denn das mit dem Glauben? Wie lebe ich die Beziehung mit Gott?“ Und genau hierfür müssen Verantwortliche in unseren Gemeinden ausgebildet sein, hierfür brauchen wir die Spirituale, also Menschen, die eigene geistliche Erfahrungen gemacht und reflektiert haben; und die gelernt haben, andere anzuleiten, dem Glauben Gestalt und – wie Wolfgang Huber in seinem Geleitwort schreibt – „dem Einkehren in Gottes Licht, dem Heimkehren in seinen Geist, dem Staunen vor seinem Geheimnis Raum zu geben“.

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