Gottes Abenteuerkapitän

Im Wildwasser der Sprache raften

Horst-Klaus Hofmann war ein „Danger-Seeker“. Freilich keiner von der Art, die sich an Bungee-Seilen waghalsig, aber doppelt abgesichert in die Tiefe stürzen, wohl aber einer von denen, die auf ihrer Reise durch den Sprachstrom Gottes mit dem Schlauchboot direkt auf die nächste Stromschnelle zuhalten, wenn sie spüren, dass dort etwas zu erfahren, zu vertiefen oder zu gewinnen ist.

Jener Sprachstrom ist das Fluidum, aus dem der Schöpfer-Gott einst am Anfang der Zeit aus dem Chaos den Kosmos geschaffen hat, indem er klärend und scheidend sein Wort in das Tohuwabohu hineinsprach. Bereits die ersten Zeilen der Genesis berichten von diesem schöpferischen Anfang. Kein anderer Text der Weltgeschichte fasst das Geheimnis dieses Sprachstromes so konzentriert zusammen wie der Johannesprolog: Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Dieses war im Anfang bei Gott. Alles wurde durch dasselbe, und ohne dasselbe wurde auch nicht eines, das geworden ist (Joh 1,1-3). Für Horst-Klaus Hofmann war dieser Text nicht nur ein gemeinhin anerkanntes Kunstwerk von besonderer dichterischer Kraft und Schönheit, sondern der Ankertext für die geoffenbarte Wahrheit im biblischen Kanon und für das Geheimnis der kleinen Springfluten Gottes in seinem persönlichen Reden zu den Menschen.

Auf seiner Suche nach brauchbaren Landkarten wurde ihm das Zeugnis der Sprachdenker Friso Melzer, Eugen Rosenstock-Huessy, Paul Schütz und Alfred Döblin elementar. An ihren Logbüchern entlang ist er selber zu einem Kapitän geworden, der es verstand, den Sprachstrom Gottes von den Stromschnellen des Zeitgeistes zu unterscheiden. Dazu nutzte er täglich erstens die Bibel als Logbuch; und zweitens die Disziplin der Stillen Zeit: eine Tradition der christlichen Mystiker, um die Unmittelbarkeit des Hörens und Redens mit Gott im Alltag einzuüben. In dieser geistlichen Praxis lernte er die schöpferische Kraft der Sprache nicht nur als Beobachter kennen, sondern wurde selbst zum kraftvollen Weitersager der biblischen Botschaft: „Klarheit kommt aus der Stille, Mut aus der Geschichte, Freude aus der Zukunft.“

Horst-Klaus Hofmann hat intuitiv verstanden und leidenschaftlich gegen das gekämpft, was wir heute wie einen dichten Mehltau wahrnehmen: Der Sprachstrom des Wortes Gottes ist vielerorts am Versiegen, während die Fragmentierung, die Pixelierung und die Mathematisierung der Welt voranschreiten.

Dabei lauern die Gefahren geistlicher Verdünnung und Veruneindeutigung am rechten wie am linken Rand des Sprachstroms und drängen von dort aus in die Mitte. Von links etwa das Neusprech, wie es die Gender-Ideologie in das Reden und Verstehen implantieren will. Sie wollen einen neuen Menschen schaffen, der der Schwerkraft der leiblichen Zweigeschlechtlichkeit als Mann oder Frau enthoben ist und etwa aus Müttern „gebärende Personen“ macht. Das durch unsere Geschöpflichkeit zugewiesene Geschlecht soll durch selbstgewählte und -konstruierte Identitäten ersetzt werden. Der Mensch macht sich zum Schöpfer seiner selbst – konjugiert sich selbst zur Mikro-Identität um. Damit verliert das Ganze seiner Sinnbezüge an Zusammenhalt, regrediert zu einem neuerlichen, aber entkernten Stammesdenken. Das große Narrativ des christlichen Sprachstromes verdunstet.

Oft finanziert von öffentlichen Geldern hat der Genderismus in vielen Bereichen den Sprach-Raum eingenommen: Ein Gestrüpp von gendergerechten Umschreibungen wuchert über Gewerkschaften, in Betriebsräten, an Universitäten und zieht sich bis ins Kirchenlied. Die allgemeine Geschlechtsverwirrung wird durch zunehmend sinnfreie Formeln übertüncht. Durch den Gender-Gap, also durch Unterstriche oder *Sternchen, werden Signets für Identitäten jenseits des Mann-Frau-Schemas geschaffen. Kryptik ist erwünscht. Hinter dem Make-up der Gleichstellung zeigt sich die Fratze des Genderismus. „Sprachverhunzung“ nannte Thomas Mann seinerzeit den Kernimpuls brauner Ideologie. Auch im Regenbogenschillern bleibt Ideologie, was sie ist: Gewalt am Sprach- und Denkvollzug. Das Wissen darum ist alt wie die Menschheit: „Wenn Wörter ihre Bedeutung verlieren“, sagt Konfuzius, „verlieren die Menschen ihre Freiheit“.

Anders gelagert, aber nicht weniger gefährlich sind Strömungen, die den Sprachfluss vom rechten Rand kontrollierend beeinträchtigen. Von rechts drängt die Ökonomisierung aller Lebensbezüge ins Zentrum: die Totalverwertung und Totalvermarktung des Menschen. Einige kluge Globalisierungsforscher haben festgestellt, dass sich die psychosoziale Geschwindigkeit unseres Lebens insbesondere durch wachsende Mobilität, Globalisierung und Digitalisierung in den vergangenen 60 Jahren alle 20 Jahre verdoppelt hat. Der Speed nimmt immer weiter zu, und das entfesselt enorme zentrifugale Kräfte. Es reißt unser Miteinander auseinander. Der Paar­therapeut Michael-Lukas Moeller sieht unsere Gesellschaft auf dem Weg in das Paradox einer „kontaktreichen Beziehungsarmut“. Grob ausgedrückt: Die Taktfrequenz funktionaler Teilkontakte und Sprach-Snippets nimmt zu, der Sprachstrom zugewandter und zusammenhängender Gespräche ist am Versiegen. Nichts hat das so vorangetrieben wie die großen Social-Media Plattformen Facebook, Google und Co, die täglich die Taktfrequenz unserer Lebensräume bestimmen.

In dem Film „Das Social-Media Dilemma“ berichten ausgestiegene Netz-Architekten aus der Gründerzeit von ihrem Zielauftrag: „Die Plattformen wollen unsere komplette soziale Dynamik digital repräsentiert sehen, weil sie nur so messbar und monetarisierbar wird. Und dafür muss das Interesse am analogen Gespräch fallen. Der Suchtfaktor ist Teil des Designs.“ Aufgrund der Erfahrungen aus der Spielautomaten-Psychologie wurden die Designs, die Interfaces und Algorithmen so getunt, dass das analoge Gespräch, das Reden und Hören im zwischenmenschlichen Bereich dem wachsenden medialen Suchtfaktor zum Opfer fällt.

Hier liegen also zwei massive Herausforderungen unserer Tage, auf die wir aus dem großen Strom christlicher Tradition klug und mutig Antworten schöpfen können. Dabei können wir Horst-Klaus Hofmann nicht kopieren. Aber wir können kapieren, wie er zu seiner Zeit vorgegangen ist, um den biblischen Sprachstrom in den gesellschaftlichen Sprachstrom zu kanalisieren. Er war ein Abenteuerkapitän, ein Partisan der Hoffnung, der nicht erst Budgets
und Machbarkeitstudien in Auftrag geben musste, bevor er die Leinen losmachte. Vielmehr hat er im Hören und im Vertrauen auf Gottes Reden mutig den gesellschaftlichen Diskurs mitgestaltet. Er war ein „Einmischer“ und auch ein „Aufmischer“ von trügerisch-stillen Selbstverständlichkeiten, die sich im kirchlichen oder im politischen Diskurs eingestellt hatten. Dabei hatte er mit seinen Einwürfen keinesfalls immer nur recht. Aber darauf kommt es im Reich Gottes auch gar nicht an. Dass der Sprachstrom Gottes die Herzen wieder neu erreicht, darauf kommt es an! Diesen Strom, der unser Herz immer wieder neu erfassen und mitreißen kann, hat niemand so treffend zusammengefasst wie Charles Wesley in dem Hymnus, den Horst-Klaus Hofmann so liebte:

 „Du, der uns berief zur Wahrheit / durch dein ewig gültiges Wort, / deck die Sünde auf und reiß uns / von der lauen Trägheit fort. / In dem Ringen um die Freiheit andrer lehr uns heiligen Mut, / unsere enge Sicht durchströme du mit deiner Liebesflut.“

Von

  • Dominik Klenk

    Journalist und Medienpädagoge; Leiter und Prior der OJC von 2002-2012; seitdem Leiter des fontis' Verlags (ehemals Brunnen Verlag), Basel

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