Die Urberufung der OJC von 1968

Schafft und schult eine geeinte, revolutionäre Mannschaft, die Menschen von Gott abhängig macht und in unserer Welt die brennenden Probleme wirksam anpackt.

Spaltung in Familien, Gruppen und Nationen, Ausbeutung von Gefühlen, Konflikten und ­Gütern. Hunger – Hass – Hoffnungslosigkeit.

Die helfende Antwort ist der wachsende Anteil am Welt-Kampf.

Wer heute zu Regierungen des Staates, der Kirche und der Wirtschaft sprechen will, muss eine entschlossene, intelligente und selbstlose Gruppe junger Menschen in wirksamer Aktion für die Modernisierung und Rettung unserer Welt vorzeigen können.

Konstruktive Realitäten lassen aufhorchen.

Gedanken aus der Stille am Neujahrsmorgen 1968 von Horst-Klaus Hofmann

Vom Herzschlag des Urauftrags

Entschlossen, selbstlos und verrückt

Simon, du bist in diesem Jahr in die Kommunität eingetreten und damit auch in das Erbe der OJC-Gründergeneration. Du klinkst dich ein in die Verantwortung, den OJC-Auftrag in die Zukunft zu tragen. Zu diesem Erbe gehört auch die sogenannte Urberufung der OJC, die HKH am Neujahrsmorgen 1968 in der Stille empfangen und niedergeschrieben hat.
Wann ist dir dieser Text begegnet, und was hat er bei dir ausgelöst?

So richtig beschäftigt hat mich der Text erst im Assoziiertenkurs. Und da fand ich ihn von Anfang an inspirierend. Ich habe gemerkt, da steckt eine Tiefe drin, die ich sonst in anderen Leitbildern u. ä. nicht finde. Für mich klingt daraus das Bemühen eines Mannes, etwas in Worte zu fassen, das ihn tief bewegt hat. Er nahm die Schockstarre der christlichen Szene damals wahr angesichts der revoltierenden Jugend auf der Straße, die viele Fragen hatte. Die wissen wollte, wie das Leben geht, aber keinen entsprechenden Support bekam. Die sich mit Standardantworten nicht zufriedengeben wollte. Das war ein unheimlich großer Generationenkonflikt, in extremer Form damals. Und ein Aufschrei der Jungen: Wir wollen auch gesehen werden und uns die Welt nicht länger mit fertigen Antworten erklären lassen. In dieser Situation hörte er auf einen Impuls in seinem Herzen, der – wie wir heute sagen würden – von Gott kam.

Wenn du heute auf diesen Text schaust: Welche Worte rufen bei dir eine Resonanz hervor?

Das Allererste ist wirklich dieses „Schafft und schult“! So wie Jesus zu seinen Jüngern sagt: „Geht hinaus!“ Das verschachtelt Jesus nicht in viele kleine gut verdauliche Sätzchen, damit niemand sich ausgegrenzt fühlt, es ist vielmehr eine ganz klare Aufforderung. Diese Klarheit mag ich! Weniger ist mehr – und vielleicht auch gehaltvoller.

Das zweite ist eben diese „Antwort auf eine Not“ (natürlich in dem Vokabular von damals: „der wachsende Anteil am Welt-Kampf“, das würde heute natürlich niemand mehr sagen), aber im Fokus steht das Ringen um eine helfende Antwort, mit dem Anspruch, dass diese doch bei den Christen zu finden sein müsste! Wir müssen die Antwort nicht gleich parat haben, aber doch darum ringen!

Der dritte Aspekt ist für mich der visionäre Charakter. Der Anspruch auf Perfektion: Es muss eine „entschlossene, intelligente und selbstlose Gruppe“ sein, eine „geeinte, revolutionäre Mannschaft“ – da versucht jemand, das perfekte Ei zu pellen, obwohl er selbst wohl am besten weiß, wie menschlich er ist… Für mich schwingt darin die Sehnsucht nach der allumfassenden Lösung mit – und das ist Christus in mir, er ist genau der Perfekte. Vielleicht sind es deswegen auch wir, die eine Antwort haben müssten, weil Christus in uns ist. Das ist natürlich überspitzt und total „unmenschlich“ ausgedrückt – das find ich schön! Dahinter steckt für mich der Glaube an das Wunder in uns: dass Christus in mir das Wunder vollbringt, weil er mich verändert. Veränderung beginnt immer in mir.

Siehst du in diesen Worten eine Not angesprochen, die heute noch genauso aktuell ist wie damals?

Eine Not, die sich kaum verändert, nur verlagert hat, ist die Orientierungslosigkeit junger Menschen. Wo sind die Menschen, an denen ich mir ein Beispiel nehmen kann? Wo sind die Mentoren, die junge Menschen auf dem Herzen haben, die sie fördern, aber auch fordern? Diese Not ist gleichgeblieben. Was sich verändert hat, ist die Dynamik in der Generation selber. Denn die Möglichkeiten, sich zu artikulieren, waren vor 50 Jahren noch viel begrenzter. Durch die Digitalisierung heute ergeben sich neue Chancen, aber auch Gefahren. Da ist es unser Auftrag, den jungen Menschen auf deren „Kanälen“ zu begegnen und auf der Grundlage des Glaubens Hilfe zu bieten, ihnen zu einer Horizonterweiterung zu verhelfen. Denn wir wissen, diese Generation wird in der Zukunft Verantwortung übernehmen, auch in Leitungsaufgaben.

Gibt es denn in diesem Text etwas, das in dir Widerstand hervorruft?

Also, in dem Text selber nicht! Die Enttäuschung entsteht aber oft, wenn ich das abgleiche mit der Realität. Wenn ich merke, dass vieles in solcher Vehemenz oder Schlagkraft bei mir und meinen Gefährten einfach wenig ausgebildet ist! Mit den Worten selber habe ich kein grundsätzliches Problem. Worum es mir geht, das ist der „Herzschlag“. Hier ist es der Übertrag von Gottes Herzschlag auf die Person von HKH – in all seiner Menschlichkeit. Ich stelle mir das so vor und so habe ich es auch lebendig vor Augen: Da ist Gott und sieht die Welt 1968, und er trägt eine innere Not in sich: Da muss man doch irgendetwas machen. Und dann legt er diese Not einem Menschen aufs Herz, einem Menschen mit seiner Geschichte, seiner Begabung und seiner Begrenzung. Und der schreibt es auf, in seinen Worten und in der zeitgeschichtlichen Sprache, an der es sicher einiges auszusetzen gibt … aber ich höre da diesen Herzschlag heraus. Der Herzschlag ändert sich nicht! Deshalb darf dieser Text aus meiner Sicht gar nicht verändert werden, als Ursprungsberufung, die nur in ihrer Sendung jeweils der aktuellen Zeit angeglichen werden muss. Wenn ich immer wieder zum Ursprung zurückgehe, bin ich mir meines Auftrags sicherer. Vielleicht spricht mich heute ein anderer Satz an als vor fünf Jahren, und nicht bei jedem klingeln die Glöckchen an der gleichen Stelle! So mancher Aspekt wird vielleicht erst in Zukunft noch sein Revival erleben. Aber alles, was wir neu beginnen, steht auf diesem Fundament!

Wie würdest du denn deinen eigenen Alltag abgleichen mit der Urberufung?

Der für mich wichtigste Abgleich steckt in den Worten „schafft und schult“. Das ist auch der Grund, warum ich mich intrinsisch berufen fühle, in einer kleinen Einheit (auf dem Schloss) zu leben, wo Leben und Arbeiten an einem Ort stattfindet, weil Veränderung erst bei uns beginnt und dann überfließt in die Welt. Also, wo und wie schaffen wir eine Einheit, die soweit zugerüstet ist, um der nächsten Generation wirksam helfen zu können? Im Finetuning müsste ich fragen: Wo werden wir geschult, wo gibt es Denkräume? Wie werden wir einig – und revolutionär? Ich glaube, der berufene OJCler ist in seinem Herzen immer noch ein Revolutionär. Weil wir tatsächlich doch mit Christus „in einer anderen Welt leben“, oder mit anderen Worten aus Sicht der Welt „nicht mehr alle Tassen im Schrank haben“.

Das musst du jetzt ein wenig erläutern …

Ich bin mir sicher, dass, wer immer in der OJC mitlebt, etwas vor Augen hat, ein Ziel: der von Gott abhängige Mensch, der in Christus gereifte Mensch, der nicht mehr in den Fängen der Kräfte dieser Welt lebt. Es ist ein Traum, eine Vision, der ich nacheifere. Ich stolpere trotzdem noch jeden Tag über meinen Egoismus. Aber ich glaube an das Wunder Gottes in uns, und deswegen trainiere ich mich in der Jesus-Nachfolge, in der Jüngerschaft. Jedes Mal, wenn ich falle, habe ich meine Gefährten neben mir, und wir stehen gemeinsam wieder auf. Das wird Zeit meines Lebens so sein. Das ist meine lebendige Hoffnung, und ich sage absichtlich zu anderen Möglichkeiten Nein, weil dieses Große, an das ich glaube, lebensverändernd ist. Und deshalb stehen wir vielleicht absichtlich ein wenig neben der Gesellschaft.

Hast du noch ein Schlusswort?

Es gibt solche Sätze, die behalten immer ihre Gültigkeit. Der gehört für mich dazu: Konstruktive Realitäten lassen aufhorchen. Das ist eine Wahrheit, die stimmt einfach, früher und heute.

Aus meiner Sicht kommt die menschliche Einfärbung der zugegeben sehr steilen Urberufung genau in diesem allerletzten Satz zum Tragen: Konstruktive Realitäten lassen aufhorchen. Das ist genau dieser Menschenfaktor: Fehler machen ist erlaubt! Wir in der OJC durchdenken und durchleben so manche Ansätze, die nicht immer konstruktiv sind. Vielleicht sollte man mal von „gescheiterten“ oder „nicht umsetzbaren“ Lösungen und Wegen berichten, die in den letzten 50 Jahren verworfen worden sind und nicht veröffentlicht wurden… Da gilt es, in dieser Freiheit zu leben, dass viele Dinge auch einfach doof sein dürfen oder nichts taugen oder keine Antwort darstellen, und dass vielleicht auch Menschen hier vom Schloss oder von der OJC enttäuscht weggehen können. Dann ist es eben so. Ich kann mich nur selber zur Verfügung stellen, aber ich stehe nicht alleine dort. In jedem Menschen, der neu hinzukommt, kann ein Wunder geschehen. Und das finde ich einfach cool. Das geht nur mit Christus.

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