Learning by doing

Mit ukrainischen Flüchtlingen durch den Alltag und die Feiertage

Die Ukraine ist uns in der Vor- und Nachosterzeit nahe gerückt. Nicht nur durch die erschütternden Bilder aus dem Land, sondern vor allem durch zweiundzwanzig wunderbare Menschen, die seit einigen Wochen in unseren Häusern mitleben.

Anfang März kam die erste Familie aus der westlichen Ukraine ins Haus der Hoffnung in Greifswald und bat mit ihren drei Kindern um Unterschlupf. Weil Slavik, der Vater, bereits seit Januar in Deutschland war, verließ seine Frau Liudmyla mit den Kindern Wenjamin (11), Vitalina (8) und Yeva (2) das Land bereits in den ersten Kriegstagen. Eine Wohnung war gerade frei und wurde im Handumdrehen aus Möbelspenden eingerichtet, alle Smartphones mit einer deutsch-ukrainischen Übersetzungsapp ausgerüstet und eine unendlich scheinende To-Do-Liste bei diversen zuständigen Ämtern heruntergeladen. Bald kamen zwei weitere Familien, diesmal aus dem heftig umfochtenen Charkiw hinzu, allerdings ohne Männer. Zur Zeit sind fünf Erwachsene und fünf Kinder im Haus untergebracht. „Learning by doing“ ist die Devise von Carolin Schneider. Sie steht den Frauen als Frau und Mutter, als Ansprechperson, Nachbarin, Trösterin und Managerin zur Seite und organisiert den Alltag der Geflüchteten mit den OJC-Geschwistern im Haus.

Auch in Reichelsheim fahren wir auf Sicht. Zum Team, das sich in der Begleitung der Geflüchteten engagiert, gehören Claudia Groll und Rebekka Havemann, Heidi und Klaus Sperr, Marsha und Ralf Nölling. Im Tannenhof sind nun dreizehn Personen untergebracht, darunter vier Kinder. Ein Familienvater durfte wegen seiner Rückenverletzungen ausreisen, ein anderer junger Mann ist schwerstbehindert und auf den Rollstuhl angewiesen. Sie kommen aus Odessa, Borispol, Cernihiv und aus der Dnepro-Ebene im Landesinnern.

Inzwischen haben sich die meisten von den Strapazen der Flucht erholt, in den Räumlichkeiten eingerichtet und erkunden – je nach Temperament und Talent – die Umgebung und die deutsche Sprache. Schwer tragen sie an der Sorge um ihre Lieben, um die Männer, Väter und Söhne und an der Ungewissheit, wie es weitergeht, wann sie wieder in ihr Zuhause können – und ob es noch steht. Doch über die Sorgen reden sie eher wenig. Alltag und so viel Normalität wie möglich sind das Gebot der Stunde: Pässe werden beglaubigt, transkribiert und übersetzt, Impftermine vereinbart, Bankkonten eröffnet, Kinder eingeschult, Hunde registriert, Landsleute im Umkreis kontaktiert, Sprachkurse gesucht. Sie möchten sich nach Möglichkeit in den Häusern und Gärten nützlich machen, um der Tatenlosigkeit zu entgehen und ihre Dankbarkeit auszudrücken. Gemeinsam mit ihnen lernen wir, den Ausnahmezustand lebbar zu gestalten – und lernen von ihnen Geduld, Mut, Dankbarkeit für die kleinsten Dinge, Beharrlichkeit und Behutsamkeit im Umgang miteinander. Durch die Momente der Überforderung und Ratlosigkeit trägt uns der Zuspruch Jesu aus der Jahreslosung, der uns zu diesem Wagnis bewogen hat: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen (Joh 6,37).

Dankbar sind wir auch allen Betern und Spendern der OJC-Weihnachtsaktion, aus deren Mitteln wir nicht nur die Kosten decken können, die in unseren Häusern entstehen, sondern auch befreundete Werke unterstützen, u. a. eine messianische Gemeinde in der West-Ukraine, die Binnenflüchtlinge versorgt. Es ist uns zudem ein Herzensanliegen, die Projektpartner von The Harbour in St. Petersburg, die sich um Straßenkinder und Sozialwaisen kümmern und deren anspruchsvolle Arbeit in Russland und in der Ukraine unter den Bedingungen des Krieges, der internationalen Sanktionen und der Behörden enorm erschwert worden sind, weiterhin zu stärken – dazu braucht es diplomatische Kreativität.
Wir stehen weiterhin unseren Partnern auf der Balkanroute bei, die den dorthin Geflohenen humanitäre Hilfe leisten. Ihr Teilen und Ihre Gebete helfen vielen Menschen in äußerster Not und tragen jene, die sich für die Belange der Notleidenden einsetzen.

Das Osterfest hat uns in diesem Jahr die Verletzlichkeit des Lebens in den konkreten Schicksalen, in den konkreten Menschenleben vor Augen geführt. Angesichts von Leiden, Unrecht, Gewalt und Tod lernen wir zu ermessen, wie kostbar die Hoffnung auf das neue Leben ist, an dem wir Anteil haben:

Христос Воскрес! – Воістину Воскрес!
Christus ist auferstanden! – Wahrhaftig auferstanden!

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