Krieg und Ziegen

Unterwegs im Kongo mit unserem Projektpartner Albert Baliesima 

Írisz Sipos sprach mit Frank Paul

Flüchtlinge in Nobili
Flüchtlinge in Nobili

Frank, du hast mit deiner Tochter Ana zwei Wochen im Osten der Demokratischen 
Republik Kongo verbracht. Welches Bild hat sich dir besonders eingeprägt?

Ich bin nicht der visuelle Typ, mir bleiben Atmo­s­phären eher im Gedächtnis haften als ­Sehenswürdigkeiten. Ein erstes und für die Reise ­prägendes Bild war das Gemeinschaftsgrab, an dem wir auf der Busfahrt von Kampala (Uganda) in den Ostkongo eine Rast eingelegt haben. Hier sind die über 200 Opfer des Schiffsunglücks im März 2014 auf dem Albertsee bestattet. Darunter waren Frauen und Kinder, die erst vor den mörderischen Milizen nach Uganda fliehen mussten und nun über den See in ihre Dörfer zurück­kehren wollten.

Inwiefern war dieser Eindruck prägend?

Weil er zum Ausdruck bringt, was über dem Landstrich lastet: Lebensgefahr, Flucht und persönliche Verluste der Zivilbevölkerung. Jeder hat Tote in Familie oder Nachbarschaft zu beklagen. Kaum ein Dorf ist von den Plünderungen verschont geblieben. All dem begegnet nur, wer nicht im Hotel und auf den gesicherten Routen bleibt.

Ihr wart in Albert Baliesimas weitläufigem Wahlbezirk unterwegs. Das Tagesgeschäft eines Parlamentariers, der für humanitäre Projekte in der Krisenregion zuständig ist, ist sicher hart.

Stimmt. Wenn ich aber an die persönlichen ­Begegnungen denke, überwog der Lebens­wille, die Freude über jeden noch so kleinen Fortschritt. Wir haben viel gelacht und Gastfreundschaft er­lebt, Interesse an politischen Fragen und eine große Bereitschaft, sich für eine lebbare Zukunft im eigenen Dorf und dessen Umland einzusetzen.

Brücke von Nobili
Brücke von Nobili

Du warst bereits als Student in Afrika. Was hast du wiedererkannt, was war anders?

Alles war anders. Damals in einer Klinik in Nordafrika und in Mali war es ein bisschen wie im Missionarsgetto. Das Personal war vorwiegend deutsch, auch die Führung der Häuser, das gesamte Konzept. Meine Frau Ute und ich haben damals entschieden, dass wir uns als Missionare lieber einem heimischen Projekt anschließen. Wir wollten nicht als Lehrer vom fremden Kontinent kommen, sondern bei den Einheimischen in die Lehre gehen. Insofern war diese Fahrt ein anderes Afrika-Erlebnis und zugleich eine mir aus Argentinien vertraue Situation. Ana und ich waren im Schlepptau von Albert und seiner Frau Martha und durften auch an weniger vorzeig­baren Anlässen teilnehmen, die ein Abgeord­neter in seinem Wahlbezirk absolviert.

Was begegnet einem auf solch einer Tour?

Menschen, Menschen, Menschen – verschiedener Sprachen, Religionen, gesellschaftlicher Positionen­ und mit den unterschiedlichsten ­Anliegen. Wir gingen zu Dorfversammlungen, wo wir die Bewohner trafen, aber auch Sprecher von zivilen Organi­sationen, Lehrer, Pastoren, den Bürgermeister der großen Provinzstadt, die ­Leitung des Kreiskrankenhauses, gelegentlich auch Generäle von UNO-Blauhelm-Einheiten, die die Sicherheit der Zivilisten gewährleisten­ sollen. Albert ist seit der Zeit als Gesundheitsbeauftragter der anglikanischen Kirchenprovinz Nord-Kivu gut vernetzt, weit über die Konfessions­grenze hinweg. Und er kann, was außergewöhnlich ist, zwischen Militärs und ­Bevölkerung vermitteln. So hat er durch seine Kontakte manchen Überfall verhindern kön­nen. Das verschafft ihm nicht nur Freunde. Ich habe die Gefahr, in der er lebt, als konkretes Gebetsanliegen von der Reise mitgebracht.

Hat Albert keine Leibwache um sich?

So gut wie nie. Er lebt das Kontrastprogramm zu vielen seiner Politikerkollegen. Statt sich im reichen Viertel der Hauptstadt einzurichten und seinen Wahlbezirk bzw. seine persönlichen Schützlinge aus der Ferne abzufertigen, ist er ständig auf Achse und verzichtet auf aufwen­digen Personenschutz. Er hält sich auch nicht, wie es gang und gäbe ist, in jedem Ort eine Geliebte,­ sondern nimmt bewusst, wann immer möglich, seine Frau Martha mit auf die Reise. Die beiden scheuen weder Mühe noch Gefahr, um den Menschen im Wahlkreis beizustehen und mit ihnen Pläne für die Zukunft zu entwickeln.

Frank und Ana Paul, Albert und Martha Baliesima, Un-Blauhelmsoldat
Frank und Ana Paul, Albert und Martha Baliesima, Un-Blauhelmsoldat

Ihr seid durch eine traumatisierte Region gereist. Möchte man als Vater seine Tochter von all dem Ungemach nicht eher abschirmen?

Ana selbst hatte die Initiative ergriffen, nachdem Baliesimas sie eingeladen hatten. Sie hat für das Ticket neben der Schule her gejobbt, den Fehlbetrag haben Ute und ich als Geschenk zum Fachabitur beigesteuert. Ana hat sich als ideale Reisebegleitung entpuppt. Sie ist durch die Zeit im argentinischen Chaco mit bescheidenen, ja ärmlichen Lebensumständen vertraut und weiß sich als Fremde in einer anderen als der west­lichen Kultur zu bewegen. Um klarzustellen, dass sie nicht meine Frau ist, habe ich mich stets als ihr Vater vorgestellt. Das sorgte für freudiges Erstaunen, vor allem unter den Frauen. Oft nahm Martha sie unter ihre Fittiche, so hatte sie Zutritt in die Häuser und Küchen, in die ich gar nicht hineinkam. Das war für Ana eine spannende Erfahrung und für uns beide eine wunderbare Brücke zu den Menschen vor Ort.

War es nicht mühsam für sie, immer wieder auf Fremde zuzugehen?

Es war sicher eine Herausforderung, aber ich bin stolz auf meine Tochter. Sie fand bald die rechten Worte, wenn man sie bat, etwas in der Öffentlichkeit zu sagen. Sie wusste ja, dass es nicht darum ging, wie elegant sie die Situation meistert, ­sondern darum, den Menschen für die Gastfreundschaft zu danken.

Konnten eure Gastgeber sich auf diese unorthodoxe Begegnung einlassen?

Natürlich. Das lag aber auch an Alberts Art, ­seinem Wahlvolk zu begegnen, die im Kongo auch als unorthodox gelten mag.

Woran lässt sich das festmachen?

Zum Beispiel an seinem Auftreten. Wo immer Albert auftaucht, wird er als „Le Honorable“ mit Ehrerbietung empfangen. Er aber fordert die Leute auf, sich zu artikulieren und selbst ihr ­Leben in die Hand zu nehmen. So bei einer Kundgebung auf dem Marktplatz von Nobili mit großem Podium, Mikrofon und Platzbeschallung, Kapellenmusik. Die Bewohner hörten aufmerksam zu, als Albert Rechenschaft über seine Arbeit im Parlament gab. Nach einer kurzen Rede gab er das Mikrofon für das Publikum frei. Etliche Männer und Frauen, Vertreter von zivilen Gruppen, trugen ihre Anliegen vor. Durchaus auch Kritik an Regierung und Politikern. Albert nahm alles ernst und stand Rede und Antwort. Er gab Anregungen zum konkreten Vorgehen und versprach, sich für die aktuellen Belange einzusetzen. Die Menschen dort wissen, dass er in seinen Fachgebieten kompetent ist und sie sich auf seine Zusagen verlassen können.

Warst du nur Beobachter oder hattest du eine Aufgabe?

In den meisten Fällen habe ich nur einige Worte zur Be­grüßung gesagt. In den Dörfern aber, in denen die OJC-Weihnachtsaktion den Bau von Gesundheitszentren mit unterstützt hat, standen wir natürlich im Mittelpunkt.

Wie muss man sich so eine Begegnung vorstellen?

Meist kamen wir auf Motorrädern in den Dörfern an. Dort versammelten sich die Einwohner in Rundbauten mit wenig Wand, aber einem­ schattenspendenden Dach. Albert stellte Ana und mich als die Besucher aus der OJC in Reichelsheim vor. Dann sollte ich eine kleine Ansprache halten. Ich habe meine Grüße überbracht und betont, wie wichtig die Leistung der Menschen vor Ort ist.

Um welche Leistungen ging es genau?

Jede Gesundheitsstation ist ja in Eigenleistung­ entstanden. Die Dorfbewohner haben die ­Gebäude selbst errichtet. In ärmeren Dörfern aus Reisiggeflecht und Lehm, wie ihre eigenen Häuser auch, in anderen aus Lehmziegeln, in ­einigen Orten mit gebrannten Ziegeln. Auch ­Türen, Regale und Bettgestelle bauten sie selbst ein. Die OJC hat das Wellblechdach, in einigen Fällen Matratzen und die medizinische Grundausstattung dazugegeben oder die Ausbildung des Hilfspersonals und der Hebammen bezuschusst. Wir hatten dieses kooperative Modell initiiert und mit Albert entwickelt.

Materiallieferung auf einer der Gesundheitsstationen
Materiallieferung auf einer der Gesundheitsstationen

Hat sich das Modell à la OJC bewährt?

Ja, sehr. Albert freut sich, dass mit dem gleichen Geld nicht nur ein, sondern mehrere kleine Zentren errichtet werden konnten. Ganz davon zu schweigen, dass es die Menschen vor Ort mehr motiviert, sich für die Errichtung eines Zentrums in ihrem Dorf einzusetzen. Es wird zu ihrem Projekt, sie können es mit ihren Möglichkeiten viel besser in Schuss halten. Inzwischen gibt es zig solcher „healthcentres“ im ganzen Osten des Landes.

Was bieten diese Gesundheitszentren?

Sie sind etwas größer und besser eingerichtet als die sogenannten „healthposts“ mit minimaler Aus­rüstung und höchstens einem Pfleger. Hier gibt es medizinische Grundausrüstung, Impfstoffe, manchmal Betten für die stationär ­Betreuten und vor allem Entbindungsstühle und alles weitere, was es für eine einigermaßen sterile ­Entbindung braucht.

Einige der Zentren wurden geplündert und zerstört.

Ich habe mehr als ein Zentrum gesehen, das ­Rebellen übel zugerichtet hatten. Die Regale waren umgeschmissen, die Medikamente zertrampelt, der Entbindungsstuhl zerschlagen und die Betten ver­feuert. Pure Zerstörungswut. Die Ziegelmauern allerdings konnten sie nicht zerstören und auch das Wellblech war zu stabil angebracht, um es abzuziehen. Das ist nämlich begehrtes Hehler­gut. Einige der von uns unterstützten Zentren muss­ten nach einem Anschlag wieder neu aufgebaut und eingerichtet werden.

Sind die Leute von dieser Sisyphusarbeit nicht entmutigt?

Das können sie sich gar nicht leisten, es geht ums Überleben. Es lohnt immer, die Zentren zu ­renovieren, denn täglich werden viele Menschen dort versorgt.

Welche anderen von der OJC geförderten Projekte hast du noch besichtigt?

Ganz prominent natürlich das Krankenhaus in Kamango, wo wir vor 14 Jahren einen Gebäudeflügel mitfinanzierten. Ich sah sogar die Gedenktafel, auf der die OJC als Sponsor erscheint. Mir ist so etwas unangenehm, aber den Menschen dort war es ein Anliegen, ihren Dank darüber zum Ausdruck zu bringen.

Die Gesundheitsstation von Kamango
Die Gesundheitsstation von Kamango

Gibt es neue Initiativen?

Ja, eine, die wir sogar aus Reichelsheim ein­fädeln konnten. Wir haben Kontakt zu einer christ­lichen Versöhnungsarbeit in Ruanda, wo nach sie­ben Jahren reuige Handlanger der Mördermilizen aus der Haft entlassen werden und in ihre Dörfer zurückkehren. Oft in die Nachbarschaft der Hinterbliebenen ihrer Opfer. Das ist eine riesige Herausforderung. Das umfangreiche Programm wird von Traumafachleuten begleitet. Mit Alberts­ Vermittlung konnten einige Seelsorger der anglikanischen Kirche am Versöhnungsseminar teilnehmen. Wir sind froh, dass wir diesen Kontakt vermitteln konnten.

Hast du auch STAYS-Aktivisten* getroffen?

Leider nicht. Aber mir wurde berichtet, dass diese­ großangelegte Kampagne von Schülern gegen AIDS inzwischen auch in den Nachbarländern Schule macht. Das Programm, das vor allem aus Aufklärung und Sensibilisierung besteht, ist von Albert mit entwickelt worden.

Der Kampf gegen AIDS wird an vielen Fronten geführt.

Ja, und er ist noch lange nicht gewonnen. Aber ich habe einen ermutigenden Zweig der AIDS-Hilfe gesehen, eine der Selbsthilfegruppen, die Albert vor knapp 10 Jahren initiiert hat. Dort treffen sich Betroffene, um einander zu unterstützen – das ist die Voraussetzung dafür, dass sie das lebenswichtige Medikament erhalten.­ Sie stellen Haushaltsgegenstände her, die sie­ auf dem Markt verkaufen, setzen sich für die Belange von Infizierten ein und leisten wichtige Aufklärungsarbeit. Eine Frau erzählte, wie sie von ihrer Familie aus Angst vor Ansteckung in den Ziegenstall gesperrt wurde. Erst als Vertreter der Gruppe zu­ ihr nach Hause kamen, konnte die Familie überzeugt werden, sie wieder aufzunehmen. Ein anderes Projekt ist Hilfe für Aidswaisen, die bei Verwandten oder Nachbarn ihres Heimatdorfs untergebracht werden, damit sie nicht in große Heime gesteckt werden müssen.

Sind die bescheidenen Summen aus der Weihnachtsaktion nicht ein Tropfen auf den heißen Stein? Andere NGOs sind viel besser aufgestellt.

Wir stehen nicht in Konkurrenz. Wir haben für uns formuliert, dass unser Produkt die Hoff­nung ist. Darum unterstützen wir Partner und Freunde,­ von deren Engagement ebenfalls Hoffnung ausgeht, durch Fürbitte und durch unser Teilen. Wir profitieren und inspirieren uns ­gegenseitig.

Aber ist eine solch umständliche und kost­spielige Reise den ganzen Aufwand Wert?

In welcher Währung misst man Freundschaft? Solidarität? Hoffnung? Es ist fast beschämend, mit welcher Freude und Dankbarkeit Ana und ich von den Menschen dort empfangen wurden. Schon das Wissen, dass es Menschen im fernen Deutschland gibt, die ihre Anliegen auf dem Her­zen tragen, Kenntnis von ihrer Not haben, das, was sie zu leisten vermögen, wertzuschätzen­ wissen – das ist über Geld oder Sachspenden nicht „abzurechnen“. Auch nicht, dass wir von ihrem Zeugnis profitieren und in unserem Glauben an Gott gestärkt werden. Dazu braucht es die persönliche Begegnung, die Bereitschaft, uns auf den Weg zu machen in ihr Dorf, in ihre Häuser, und uns als Gäste aufnehmen zu lassen. Es ist dort üblich, dass man dem Ehrengast zum Zeichen der Verbundenheit ein Geschenk macht. Albert meinte, er habe nie so viele Ziegen geschenkt ­bekommen wie ich. Auch ein wichtiges Zeichen: Hier hat jeder was aus seiner Fülle zu geben.

Was ist aus den Ziegen geworden?

Ich weiß von einer, die Martha in Nobili gleich zu einem Festessen verarbeitet hat. Eingeladen ­waren Pastoren und Mitarbeiter der um­liegenden Gemeinden mit ihren Frauen, außerdem Verantwortungsträger aus dem zivilen Leben und der Armee, mit denen Albert von Kinshasa aus kooperiert. Martha hatte alles in Eigenregie eingefädelt – eine wunderbare Begegnung mit Weggefährten, die das Engagement dieses außer­gewöhnlichen Ehepaares so treu mittragen.

* STAYS = Straight Talk Among Youth in Schools. Mehr dazu www.ojc.de/weltweit/konflikt-kongo-aufklaerung-aids/

Albert K. Baliesima

(*1962) ist ­Bachelor in Economics und­ Mas­ter of Health Science. Über 19 Jahre ­leitete er den Gesundheitsdienst der Nord-Kivu-Diözese der Anglikanischen Kirche, später war er Verantwortlicher des AIDS-­ und Gesund­heits­projekts. In Zusammenarbeit mit örtlichen Gemeinden und durch den Beistand von Freunden aus Übersee hat er Dorfgemeinschaften in ­Krisenregionen unterstützt, HIV-Infizierten und kongolesischen Binnenflüchtlingen geholfen. Er fördert lokale Hilfsprojekte: Wiederaufbau der medizinischen Versorgung in Kriegsgebieten, Trinkwasserversorgung, Aufbau von Sanitäranlagen und Bekämpfung von AIDS.

Seit 2011 ist er Abgeordneter des Parlaments der Demokratischen Republik Kongo. Er ist mit Martha verheiratet und Vater von drei Töchtern und drei Söhnen.

Von

  • Frank Paul

    Koordinator der Internationale Partnerschaften und Projekte der Offensive Junger Christen; lebte von 1990-2008 mit seiner Familie in Argentinien, davon 13 Jahre im Chaco.

    Alle Artikel von Frank Paul
  • Írisz Sipos

    ist stellvertretende Chefredakteurin des Salzkorns und mitverantwortlich für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der OJC-Kommunität.

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