Melanie und Daniel Böhm, hier mit Ute Paul und Michael Wolf (links)

Leben. Thailen. Lernen.

Eine Berufung nach Bangkok

„Wir freuen uns auf mehr Abhängigkeit“.
Interview mit OJC-Hoffnungsträgern Melanie und Daniel Böhm

Melanie (FSJ 1997/98 in der OJC) und Daniel Böhm reisten Anfang 2013 mit Gideon (3) und Helen (2) als Missionare nach Thailand. Neben der Unterstützung von Hauskirchen in Bangkok setzen sie ihren Fokus auf Themen wie Identität als Mann und Frau, Sexualität und Beziehungen. Als Hoffnungsträger der OJC sind sie Teil unserer Weihnachtsaktion.

Jeppe Rasmussen sprach mit ihnen vor ihrer Abreise

Als Missionar nach Thailand – so eine Entscheidung trifft man nicht ad hoc. Treibt euch das Fernweh, hat man euch gerufen?

Melanie: Nachts im Bett hörte ich eine Stimme: „Du wirst mal Missionarin.“ Damals war ich neun Jahre alt, noch nicht lange Christ, verstand nur Bahnhof und lief weinend zu meiner Mutter Sie versicherte mir: „Das ist nichts Schlimmes; du kannst wieder schlafen gehen.“ Seitdem ist klar, ich werd’ Missionarin. Im Sommer 2000 verbrachte ich elf prägende Wochen auf den Philippinen: In der ärmlichen Nachbarschaft war mir Jesus gegenwärtiger als je zuvor. Trotz mangelnder Sprachkenntnisse erlebte ich Beziehung und Nähe - und war für immer infiziert mit dem „Virus“ Mission. Jetzt habe ich ein realistisches Bild davon, wie das Leben im Ausland mich herausfordern kann.

Daniel: Mission beschäftigte mich schon als Kind. In meiner Teenagerzeit aber bekam meine Beziehung zu Gott einen Knick. Ein schweres Magendarmleiden schien meine Aussicht auf ein, wie ich meinte, vollwertiges Leben mit Familie und Beruf zu vereiteln. Lange wollte ich nichts von Gott wissen, doch er blieb dran. Als Abiturient hörte ich 2000 die Berichte eines Missionars. Der Wunsch, mit Gott den Sprung in die Welt zu wagen, erwachte. Ich meldete mich zum Ersatzdienst in Thailand – und war dort vom ersten Tag an gesund! Mein neues Leben nach sechs Jahren Krankheit habe ich bewusst Gott wiedergeschenkt und versprochen, ihm zu folgen, wohin er mich ruft. Als Melanie und ich 2006 heirateten, war uns klar: Mittelfristig gehen wir in die Mission. Aber erst wollten wir uns im deutschen Alltag bewähren, Melanie als Lehrerin, ich als Grafikdesigner. Eine gemeinsame Thailand-Reise 2008 weckte unsere alte Sehnsucht.

Ihr habt euch bei der Deutschen Missionsgesellschaft (DMG) eingehend auf das Land und die Kultur vorbereitet. Hat sich euer Wunsch dadurch bestärkt?

Daniel: In unserem Berufs- und Familienalltag war Thailand oft weit weg. In der Vorbereitungszeit haben wir uns intensiv mit dem ­Leben und unserem Auftrag dort beschäftigt und ­gemerkt: Je konkreter wir darauf zugehen, desto mehr wächst auch unsere Vorfreude. Wir sind überzeugt, dass es immer ein Wagnis sein wird, ­unserer Berufung zu folgen. Geprägt und ermutigt hat uns die Aussage einer Diakonisse: „Seine Berufung findet man dadurch heraus, dass man sie einfach mal zehn Jahre lebt.“

Was werdet ihr in Thailand tun?

Melanie: Kurz vor unserer Bangkokreise hatten wir uns zur TeenSTAR-Ausbildung angemeldet. TeenSTAR ist ein sexualpädagogisches Programm, das Jugendliche auf ihrem Weg vom Mädchen zur Frau bzw. vom Jungen zum Mann ermutigt und ganzheitlich begleitet. In Bangkok verfolgten uns diese Themen auf Schritt und Tritt: Sexualität und Identität. Es gibt dort Schulen, die drei verschiedene Toiletten anbieten – für Jungen, Mädchen und „weiß nicht“. Ungefähr zehn Prozent der Schüler benutzen die „weiß nicht“-Toilette. Wir möchten jenen Christen und Hauskirchen in den Armenvierteln zur Seite stehen, die Jugendliche auf ihrem Weg zum Mann-/Frausein ermutigen und umfassend ­begleiten wollen.

Daniel: Mein Anliegen ist es, mit jungen Männern zu arbeiten, die entweder straffällig geworden sind oder Gefahr laufen, es zu werden. Mit einem ganzheitlichen Ansatz, der u. a. Schulbildung, Ausbildung, Persönlichkeitsentwicklung, geistliche Reife und innere Heilung umfasst, möchte ich mit ihnen Schritte in ein verantwortetes Erwachsenenleben gehen. Das klingt wie ein großes, fast vermessenes Vorhaben. Mir ist klar, dass man so etwas nicht alleine stemmt. Aber ich bin gespannt darauf, ob und wie Gott schon Menschen und Chancen dafür vorbereitet. Das sind unsere Herzensanliegen – keine fertigen Projektbeschreibungen! 

Sexualität, Identität und Beziehungen sind auch in Deutschland wichtige Themen! 
Warum geht ihr nach Thailand, statt euch hier für Jugendliche einzusetzen?

Melanie: Das stimmt. Die Jugendlichen hier sind uns auch nicht plötzlich egal. Wenn wir aber unsere Lebensgeschichte anschauen, bekommen wir den Eindruck, dass wir gerufen sind, Menschen in einem anderen Land zu dienen. In Bangkok hatte sich diese Berufung bestätigt und konkretisiert: sei es in einem Seminar über „Transsexualität“, sei es im Gespräch mit jungen Thai-Christinnen. Immer wieder wurde deutlich: Themen wie Identität als Mann/Frau, Sexualität und Beziehungen sind für viele Thai-Christen Dauerbrenner.

Daniel: Eine andere, grundsätzliche Frage, die uns bewegt: Geben wir – als Land, als Gemeinde, als Einzelne – nur das ab, was wir nicht mehr brauchen? Oder sind wir bereit zu teilen, was wir haben, gerade auch Mitarbeiter, Erfahrungen, Kompetenzen? Wir sind davon überzeugt, dass die weltweite Gemeinde Jesu davon lebt, dass Christen und Gemeinden ihre jeweiligen Gaben nicht aufbrauchen, sondern teilen. Wie viel können wir lernen von Christen in Afrika, Osteuropa, Asien!

Apropos Gaben – wovon werdet ihr leben?

Daniel: Wir sind bei der DMG angestellt, die durch ein von Spenden getragenes Budget in etwa unsere Ausgaben für Steuern, Versicherungen, Flüge, Visum, Kosten für Verwaltung und Personalbetreuung deckt und uns ein bescheidenes Gehalt sichert. Um selbst für einen Teil aufzukommen, möchte ich tageweise als Grafik-Designer Aufträge aus Deutschland annehmen. Dadurch und durch die Unterstützung von Freunden und Gemeinde sind gut 70 Prozent der monatlichen Kosten gedeckt – für uns eine riesige Ermutigung! 

Eure Kinder sind deutsch, hellhäutig und blond, werden aber in einem sehr anders­artigen sprachlichen und kulturellen Umfeld aufwachsen. Wie geht ihr mit dieser Herausforderung um?

Melanie:: Freunde wie Ute und Frank Paul1 oder Christine und Christian Schneider2 haben lange vor uns ihre Kinder so großgezogen. Ihre Erfahrungen machen uns zuversichtlich, dass wir unseren Kindern diese Herausforderungen zumuten können, solange wir ihnen dabei zur Seite stehen. Sie können dann lernen, dass in dem Verzicht, der mit diesem Leben verbunden ist, auch ein besonderer Reichtum liegt.

Ist es nicht dennoch riskant, mit Familie in ein Armenviertel zu ziehen?

Melanie: Es gibt durchaus mehr Gesundheits­risiken als hier in Deutschland, im Verkehr geht es chaotischer zu und es gibt mehr Kriminalität. Mich hat es lange sehr umgetrieben, was mit ­unseren Kindern alles passieren könnte. In dieser Zeit erfuhr ich, dass der Mann einer Schulkollegin überfahren wurde, als er seinen Sohn ins Auto setzte. Einen Tag später starb er. Wir waren sehr bestürzt. Mir wurde aber klar: Angst ist ein schlechter Ratgeber. Wenn ich aus lauter Angst um meine Kinder nicht nach Thailand ginge, hieße das, ich erwarte vom Leben hier, dass uns nie etwas Schlimmes zustößt. Und, Statistiken hin oder her, diese Garantie habe ich nirgendwo. Unser Leben ist verletzlich, und wir alle sind auf Gottes Schutz und Fürsorge angewiesen.

Daniel: Im Slum leben viele Familien mit Kindern. Spielplatz und Spielkameraden sind quasi vor der Haustür. Das wird es Gideon und Helen leichter machen, Freunde zu finden und unkompliziert Thai zu lernen. Uns gefällt auch, dass unsere Kinder in einer größeren Gemeinschaft der Slumnachbarschaft aufwachsen können. Die meisten Kinder dieser Erde wachsen ja nicht unter deutschen Bedingungen auf. Wir hoffen, dass es uns allen gut tut, dieses Leben hautnah zu spüren. Wir wollen auch nicht als die reichen Westeuropäer mit dem vielen Geld kommen, sondern mit den Armen unter den Bedingungen leben, die wir dort antreffen.

Könnte man mit Geld – und sei es aus Deutschland – nicht auch viel Gutes bewirken?

Daniel: Mit Sicherheit – aber gut gemeint reicht nicht. Viele haben, wenn sie in einem ärmeren Land unterwegs sind und Missstände wahrnehmen, sofort Ideen, was man alles verbessern könnte. Man sollte aber nicht vorschnell einen wohlgemeinten Mist anzetteln, nicht nur kurzfristige Verbesserungen im Blick haben, sondern vor allem darüber nachdenken, was die Menschen dort ermutigt. Wir wollen dort mit ihnen gemeinsam Ideen entwickeln, und nicht an ihrer statt. Ermutigte Menschen können selbst Veränderungen anstoßen. 

Werdet ihr euch gleich daran machen, mit den Thai-Christen Ideen zu entwickeln?

Daniel: Servant Partners, die Organisation, mit der wir in Bangkok zusammenarbeiten, gibt für neue Mitarbeiter ein Jahr zum Einleben vor. In dieser Zeit darf man keine Projekte starten und auch nicht an bestehenden Projekten mitwirken. Das erste Jahr dient dazu, die Thai-Sprache und (Alltags-)Kultur zu erlernen, Beziehungen zu Nachbarn und Teammitgliedern aufzubauen. Schlicht: unter ganz anderen Umständen leben zu lernen. 

Worauf freut ihr euch am meisten?

Melanie: Den Menschen, die wir bislang nur von Erzählungen und Bildern kennen, endlich zu ­begegnen, mit ihnen Gottesdienste zu feiern und hautnah mitzubekommen, wie sie tagtäglich mit Jesus leben. Und wir freuen uns darauf, in unserem Alltag spürbarer und auch existentieller von Gott abhängig zu sein! 

Bereitet euch etwas ein mulmiges Gefühl?

Daniel: Ziemlich vieles! Wo und wie wird unsere neue Umgebung im Slum sein? Wie werden wir den Umzug bewältigen? Wie wird es uns ohne Familie und den geliebten Freundeskreis ergehen?

Melanie: Und dann all das Neue: Sprache, Kultur, Hitze, Großstadt. Wir kommen in Bangkok wie unbeholfene Kinder an, die von Grund auf neu leben lernen müssen. 

Warum habt ihr die Unterstützung der OJC gesucht?

Melanie: Seit meiner Zeit in der Jahresmannschaft ist die OJC für mich geistliche Heimat. Hier habe ich prägende Erfahrungen mit Jesus gemacht. Und mit einigen OCJlern verbinden uns mittlerweile mehr als zehn Jahre Freundschaft! Sie haben nicht nur Anteil genommen an unserem Ringen um unsere Berufung, sondern uns wertvolle Impulse gegeben und vor allem Mut gemacht, uns auf einen Weg ohne feste ­Garantien zu machen.

Daniel: Eure Berichte vom gemeinsamen Leben inspirieren uns und fordern uns heraus! Wenn wir in Bangkok Teil einer Mini-Lebens- und Dienstgemeinschaft sind, möchten wir besonders eure Erfahrungen im Miteinander „anzapfen“. Dankbar sind wir für die tiefe Verbundenheit mit euch. Wenn bald 12.000 Kilometer zwischen uns liegen, ist uns das Wissen, dass wir füreinander beten, besonders kostbar. Und schließlich haben wir ja ein ganz ähnliches Anliegen wie ihr, nur an einem anderen Ort: Jugendlichen helfen, ihre erste Berufung begeistert zu leben – nämlich die, Mann bzw. Frau zu sein.

Anmerkungen

1 Mitglieder der OJC-Kommunität, die Ihre Erfahrungen in den Armenvierteln von Buenos Aires und unter den Toba-Indianern im agentinischen Chaco im Buch „Begleiten statt Erobern“ reflektieren.

2 Freunde der OJC, die mit Philippinos das Hilfswerk Onesimo gegründet haben. Autoren von „Himmel und Straßenstaub – unser Leben als Familie in den Slums von Manila“.

Von

  • Jeppe Rasmussen

    Dipl.-Journalist, leitet seit 2017 das Deutsche Instituts für Jugend und Gesellschaft. Verheiratet mit Rahel, Vater von vier Kindern.

    Alle Artikel von Jeppe Rasmussen

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