Liebe Mitchristen,

Menschen mit Vorbildwirkung verändern die Welt. Christen waren das von Anfang an. In der Apostelgeschichte werden die Christen neidvoll und zornig wahrgenommen als Menschen, die den ganzen Erdkreis erregen (Apg 17,6). Auftrag der Christen ist es zu allen Zeiten, durch eine Gegenkultur die sie umgebende öffentliche Kultur zu bekehren, indem sie die Wahrheit weitergeben und eine mensch­lichere Lebensart vorleben. Die Kirchenhistoriker sagen uns, dass zur Zeit der konstantinischen Wende, also im vierten Jahrhundert, die Christen circa 40-50 % der Bevölkerung ausgemacht haben. D.h., in 250 Jahren entstand durch zwölf Apostel und noch ein paar Jünger und Jüngerinnen eine Bewegung, der sich fast die Hälfte der Bevölkerung anschloss. Wie war das möglich? Ganz sicher nicht aufgrund von Büchern und Argumenten. Die historische Soziologie sagt uns, dass es hauptsächlich durch das beispielhafte Zeugnis von Menschen geschehen ist: „Zeuge ist der, der überzeugt ist – ganz und gar, mit Haut und Haaren, Kopf, Herz, Händen und Füßen. Zeuge ist der, der die Botschaft wirklich ‚intus‘ hat und für den die Botschaft absolut ‚in‘ ist. Dieser Zeuge engagiert sich dann mit all seinen Kräften.“1 Die von jeher glaubwürdigste und wirksamste Art, den anderen Glaube, Hoffnung und Liebe weiterzugeben, ist das Beispiel von Märtyrern. „Das Blut der Märtyrer ist der Same neuer Christen“, so heißt es. Warum ist ihr Zeugnis so bewegend? Wahrscheinlich spürt der Nichtglaubende in ihrer Selbsthingabe, dass das Leben weiter reicht als unsere biologische Existenz. „Wo es nichts mehr gibt, wofür zu sterben sich lohnt, da lohnt sich auch das Leben nicht mehr“2. Der Gläubige weiß, dass Märtyrer keine geborenen Helden sind, sondern Menschen, die Christus nachgefolgt sind. Es ist Gott, der in ihnen in der menschlichen Schwachheit seine göttliche Kraft zur Vollendung bringt (vgl. 2 Kor 12,9).

Neben dem Zeugnis der Märtyrer waren es aber zumeist einfache Menschen, die am wirtschaft­lichen und sozialen Leben teilnahmen und wie ­alle anderen in den Alltag verwoben waren. „Die Christen“ – heißt es im Diognetbrief (2. Jh.) – „sind Menschen wie die übrigen auch: sie unterscheiden sich von den anderen nicht nach Land, Sprache oder Gebräuchen. Sie bewohnen keine ­eigene Stadt, sprechen keine eigene Mundart, und ihre Lebensweise hat nichts Ungewöhnliches. (…) Wie sie jedoch zu ihrem Leben als solchem stehen und es gestalten, darin zeigen sie eine erstaunliche und, wie alle zugeben, unglaubliche Besonderheit. (…) Sie heiraten wie alle anderen und zeugen Kinder, aber sie verstoßen nicht die Frucht ihres Leibes. Den Tisch haben sie alle gemeinsam, nicht aber das Bett. (…) Sie weilen auf der Erde, aber ihre Heimat haben sie im Himmel. Sie gehorchen den Gesetzen, überbieten aber die Gesetze durch ihr eigenes Leben. Sie lieben alle Menschen. (…) Um es kurz zu sagen: Was die Seele im Leib ist, das sind die Christen in der Welt. (…) Die Welt hasst die Christen, obwohl ihr nichts Böses ­geschieht, nur weil die Christen sich der Lust widersetzen. (…) Die Christen lieben ihre Hasser. (…) So werden sie gezüchtigt, doch wächst ihre Zahl Tag für Tag. Gott hat sie auf eine hohe Warte­ gestellt, und sie dürfen ihr nicht entfliehen.“

In so einer Gesellschaft war das Christentum eine eindrucksvolle Demonstration, dass man anders leben kann. Angesichts des fortgeschrittenen Verlustes christlicher Prinzipien im ökonomischen, politischen, sozialen Leben unserer Gesellschaft – dafür symptomatisch sind Abtreibung, Scheidung, Unmoral, Egoismus und Unehrlichkeit etc. – stehen wir heute kein bisschen­ weniger in dieser Herausforderung. Doch nicht um die Veränderung der Verhältnisse geht es Jesus, sondern um die Umkehr des Menschen. Der Weg der Erlösung der Menschen ist, Gott lieben zu lernen. Und: „Seht, wie sie einander lieben!“, so sagte man nach Tertullian von den ersten Christen. Strecken wir uns als Christen noch aus, Gott und die Menschen über alles zu lieben?

Ein Sprichwort sagt: „Wir werden dem ähnlich, was wir lieben.“ Das Bild Christi nimmt in uns Gestalt an, weil wir ihn lieben. Der Zugang zu dieser Erfahrung der Angleichung an den Geliebten soll uns nicht moralisch unter Druck setzen, sondern ist reine Freude. Wer Jesus liebt, wird durch seine Liebe verändert. Diese Liebe braucht nur aufzustrahlen, offen zu werden für alle, die sie brauchen, dann beginnt ihre zu Gott hinziehende, einbeziehende Wirkung. So heißt es in der Apostelgeschichte 1,47: Ihnen, der Urgemeinde, fügte der Herr täglich Menschen hinzu, die sich retten ließen.

Unsere Welt braucht das Zeugnis jener, die – weil sie an Christus Maß nehmen – ein feines Gespür für alles haben, was in der Schöpfungsordnung grundgelegt ist. Jeder Einzelne, der gelernt hat, Gott zu lieben, kann die Welt befruchten und mitwirken, dass die Gnade Gottes leichter von vielen Menschen angenommen wird. Authentische Lehre und authentisches Lebenszeugnis verlieren nie an Aktualität und berühren die Herzen der Menschen zu allen Zeiten. Selbst von der Liebe Gottes berührt, kann jeder aus dieser Erfahrung heraus anderen Menschen geistliche Wege zu einer tieferen und innigeren Beziehung zu Gott aufzeigen.

Liebe Leserinnern und Leser, lassen Sie sich vom Inhalt unserer Zeitschrift ermutigen und inspirieren, selber für andere Menschen ein ehrliches, authentisches Gegenüber zu sein, ein Hinweis auf Jesus Christus, der selbst die ungetrübte Wahrheit ist.

Herzlich grüßt Sie mit dem Redaktionsteam,
Ihr

Rudolf M. J. Böhm
Greifswald, den 12. September 2019

1 Predigt des Bamberger Erzbischof Ludwig Schick am 1. 10. 2007
2  Josef Kard. Ratzinger, Zur Gemeinschaft berufen - Kirche beute verstehen, Freiburg 1991, S.146.

Von

  • Rudolf M. J. Böhm

    Sozialpädagoge, gehört mit seiner Frau Renate zur OJC-Auspflanzung in Greifswald, wo er u.a. als Seelsorger aktiv ist.

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